19 Oktober 2026

Flöhe bei Katzen: Erkennen, behandeln, vorbeugen

Es fängt meistens harmlos an: Deine Katze kratzt sich hinterm Ohr. Dann am Hals. Dann noch einmal, und noch einmal. Irgendwann beißt sie sich am Schwanzansatz und putzt sich länger als sonst. Spätestens jetzt fragst du dich, ob da etwas nicht stimmt. Sehr oft lautet die Antwort: Flöhe.

Das ist weder ein Grund zur Panik noch ein Zeichen, dass du etwas falsch gemacht hast. Flöhe kommen in den besten Haushalten vor, bei Freigängern genauso wie bei reinen Wohnungskatzen. Wichtig ist nur, dass du sie erkennst und richtig vorgehst. Genau darum geht es heute.

Wer ist da eigentlich eingezogen?

Der Katzenfloh (Ctenocephalides felis) ist bei uns der häufigste Floh auf Katzen. Er ist nur etwa 1,5 bis 4,5 Millimeter groß, flügellos, rötlich-braun und seitlich abgeflacht. Dadurch kommt er prima durch dichtes Fell. Seine kräftigen Hinterbeine wirken wie Sprungfedern: Er kann je nach Quelle etwa 40 Zentimeter weit springen. Für ein so kleines Tier ist das eine Leistung, die jedem Katzensprung Konkurrenz macht.

Wählerisch ist er nicht. Neben Katzen befällt er auch Hunde und Vögel, und er sticht gelegentlich sogar Menschen. Deshalb sollte man bei einem Flohbefall immer alle Tiere im Haushalt im Blick haben.

Wie kommen die Flöhe zur Katze?

Der Klassiker ist der Kontakt zu anderen Tieren: beim Spielen mit Artgenossen, durch Hunde oder durch Wildtiere im Garten. Die zweite Quelle ist die Umgebung. Flöhe legen ihre Eier auf dem Tier ab, aber die fallen leicht aus dem Fell und landen im Körbchen, auf dem Teppich, auf dem Sofa oder im Garten.

Und auch die reine Wohnungskatze ist nicht automatisch sicher. Floheier oder Puppen können an Schuhen, an der Kleidung oder über ein anderes Haustier in die Wohnung kommen. Mit mangelnder Sauberkeit hat das nichts zu tun.

Der Lebenszyklus: warum das so zäh ist

Wenn Flöhe so hartnäckig sein können, liegt das an ihrem Lebenslauf. Er hat vier Stadien: Ei, Larve, Puppe und erwachsener Floh.

  • Ei: Ein Weibchen kann bis zu etwa 40 Eier am Tag legen. Die Eier sind winzig und weißlich und rutschen aus dem Fell. Nach wenigen Tagen schlüpfen daraus die Larven.
  • Larve: Die kleinen, wurmähnlichen Larven sind lichtscheu. Sie verkriechen sich in Teppichen, Polstern, Ritzen und Katzenbetten und fressen unter anderem den Flohkot der erwachsenen Flöhe. Sie häuten sich zweimal.
  • Puppe: Die Larve spinnt sich in einen Kokon ein. Das ist das zäheste Stadium: Die Puppen sind sehr widerstandsfähig, und wenn kein Wirt in der Nähe ist, können sie bis zu etwa sechs Monate abwarten. Geschlüpft wird, wenn sich etwas tut, zum Beispiel durch Wärme, Vibrationen oder Kohlendioxid in der Atemluft. Also dann, wenn ein Wirt in der Nähe ist.
  • Erwachsener Floh: Er sucht sofort Blut und kann auf dem Tier mehrere Wochen bis Monate leben, nach manchen Angaben bis zu etwa 100 Tage.

Im Haushalt dauert ein ganzer Durchgang im Schnitt drei bis vier Wochen. Und jetzt kommt der wichtigste Satz dieses Beitrags: Auf der Katze sitzen nur etwa 5 Prozent aller Flöhe. Die anderen 95 Prozent sind Eier, Larven und Puppen in der Wohnung. Deshalb reicht es nicht, nur die Katze zu behandeln.

Woran erkennst du einen Flohbefall?

Das häufigste Zeichen ist, wie am Anfang beschrieben, vermehrtes Kratzen, Belecken und Beißen, vor allem an Kopf, Hals, Schwanzansatz und an den Hinterbeinen. Das Jucken kommt von den Bissen und oft von einer Reaktion auf den Flohspeichel. Weitere Hinweise:

  • Haarausfall an den Stellen, an denen die Katze besonders viel kratzt oder leckt
  • gereizte, gerötete Haut, manchmal kleine rote Punkte oder Krusten
  • Unruhe und mehr Fellpflege als sonst
  • manchmal lebende Flöhe, am ehesten an Stellen mit wenig Fell, etwa am Bauch, in den Leisten oder hinter den Ohren

Der Papiertuch-Test

Lebende Flöhe sind schnell und schwer zu erwischen, vor allem bei langhaarigen Katzen. Einfacher ist die Suche nach Flohkot. Das sind winzige schwarze Krümel im Fell, in Wahrheit verdautes Blut. Streiche sie mit einem Flohkamm aus dem Fell und lege sie auf ein feuchtes, weißes Papiertuch. Färben sie sich rötlich-braun, ist das ein starker Hinweis auf Flöhe.

Manche Katzen zeigen trotz kräftigem Befall kaum etwas, andere reagieren schon auf wenige Bisse sehr heftig. Verlass dich also nicht nur auf das Kratzen.

Mehr als nur Juckreiz

Ein Flohbefall ist nicht nur lästig. Er kann auch krank machen:

  • Flohallergie: Manche Katzen reagieren allergisch auf den Speichel der Flöhe. Schon ein paar Bisse können dann starken Juckreiz, Entzündungen und Haarausfall auslösen. Es gehört zu den häufigsten Allergien bei Katzen. Durch das viele Kratzen können sich außerdem Hautinfektionen entwickeln.
  • Bandwürmer: Flöhe können als Zwischenwirt für den Gurkenkernbandwurm dienen. Wenn deine Katze beim Putzen einen infizierten Floh verschluckt, kann sich im Darm ein Bandwurm entwickeln. Nach einer Flohbehandlung ist deshalb oft auch eine Entwurmung sinnvoll. Das bespricht man am besten mit dem Tierarzt.
  • Blutarmut: Bei starkem Befall, vor allem bei Kitten oder geschwächten Tieren, kann so viel Blut verloren gehen, dass Zahnfleisch und Schleimhäute blass werden und die Katze matt wirkt. Das ist ein Fall für die Praxis, und zwar zeitnah.
  • Katzenkratzkrankheit: Flöhe können das Bakterium Bartonella henselae übertragen. Katzen merken meist nichts davon, bei Menschen kann es zu Fieber und geschwollenen Lymphknoten kommen. Auch deshalb lohnt sich die Flohbekämpfung für alle im Haushalt.

Flöhe loswerden: zwei Baustellen

Wer Flöhe loswerden will, muss immer zwei Dinge tun: die Katze behandeln und die Wohnung gleich mit.

Die Katze

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Welche für deine Katze am besten passt, entscheidet am besten der Tierarzt, auch weil Alter, Gewicht, Gesundheitszustand und Lebensweise eine Rolle spielen.

  • Spot-on-Präparate: Sie werden in den Nacken getropft und wirken meist etwa einen Monat. Manche Mittel wirken auch gegen Floheier und -larven.
  • Tabletten: Manche töten erwachsene Flöhe innerhalb weniger Stunden ab und werden meist monatlich gegeben.
  • Halsbänder: Sie geben Wirkstoffe an die Haut ab. Es gibt wirksame, aber auch weniger zuverlässige, manche können die Haut reizen. Lass dich lieber beraten.
  • Shampoo und Spray: Sie töten erwachsene Flöhe, wirken aber nur kurz und nicht gegen Eier und Larven. Bei starkem Befall können sie erste Linderung bringen, ersetzen aber keine Behandlung.

Ganz wichtig: Nimm ausschließlich Mittel, die ausdrücklich für Katzen gedacht sind. Hundepräparate mit Permethrin können für Katzen giftig sein. Das gilt auch, wenn du ein Mittel „nur ein bisschen“ umfüllen oder aufteilen willst. Bitte nicht.

Die Wohnung

  • Staubsaugen: Möglichst täglich, solange das Problem besteht, und über mehrere Wochen. Teppiche, Polster, Ritzen und Tierbetten nicht vergessen. Den Beutel verschließt du am besten in einer Tüte und wirfst ihn sofort in den Hausmüll.
  • Waschen: Katzendecken, Bettwäsche und Kissen kommen mit Waschmittel bei mindestens 60 Grad in die Maschine.
  • Umgebungsmittel: Saugen und Waschen reichen bei starkem Befall oft nicht, weil sich die Larven tief in Teppichen und Dielenritzen verstecken. Dann helfen Mittel, die gegen Eier und Larven wirken. Solche Sprays gibt es mit einem Wachstumsregler (IGR), der die Entwicklung der Jungtiere stoppt. Die Mittel sollten für die Umgebung von Haustieren geeignet sein, lies also die Packungsbeilage genau, oder frag den Tierarzt.
  • Alle Tiere behandeln: Wenn Hund und Katze im Haus leben, sind beide dran. Sonst springen die Flöhe munter hin und her.

Und Geduld brauchst du auch. Wegen der zähen Puppen können noch Wochen nach der ersten Behandlung neue Flöhe schlüpfen. Das heißt nicht, dass das Mittel nicht wirkt, sondern dass der Nachwuchs aus der Wohnung nachkommt. Durchhalten über mehrere Wochen bis Monate lohnt sich.

Vorbeugen ist einfacher als bekämpfen

Am wirksamsten ist ein regelmäßiger Schutz, den du mit deinem Tierarzt abstimmst. Wenn deine Katze draußen unterwegs ist oder mit Hunden lebt, ist ein Schutz über das ganze Jahr sinnvoll. Auch drinnen können Flöhe das ganze Jahr über ein Thema sein, denn geheizte Wohnungen sind für sie ein gemütliches Zuhause.

  • Flohkamm: Beim Bürsten regelmäßig nach Flöhen und Flohkot schauen. So fällt ein Befall früh auf.
  • Sauberkeit: Regelmäßig saugen und Katzenbetten waschen, damit Eier und Larven keine Chance bekommen.
  • Hausmittel sind kein Ersatz: Kokosöl oder ätherische Öle werden oft empfohlen, ihre Wirkung gegen Flöhe ist aber nicht belegt. Manche Öle, zum Beispiel Teebaumöl, können Katzen sogar schaden.

Zum Schluss

Flöhe sind ein häufiges Problem, das man gut in den Griff bekommt, wenn man weiß, wie sie leben. Du erkennst sie am Kratzen und am Flohkot, behandelst Katze und Wohnung gleichzeitig und bleibst dran, bis auch die letzten Puppen geschlüpft sind. Bei Unsicherheit, sehr jungen oder geschwächten Tieren und bei starkem Befall gehst du lieber zum Tierarzt, bevor du selbst herumprobierst.

Und jetzt bist du dran: Hatte deine Katze schon einmal Flöhe, und was hat bei euch geholfen? Schreib es gern in die Kommentare.




16 Oktober 2026

Katzen und Religionen (1): Die Katze im Islam

1. Einleitung: Die besondere Stellung der Katze im islamischen Denken

Die Katze nimmt im Islam eine bemerkenswerte Stellung ein. Sie gilt weder als heilig noch als rein symbolisches Tier, doch sie besitzt eine Achtung, die sich aus Überlieferung, Rechtslehre und Alltagspraxis ergibt. Während einige Tiere in rituellen Zusammenhängen klar definiert sind, bleibt die Katze frei von strengen Vorschriften. Diese Offenheit hat dazu geführt, dass sie im Laufe der Jahrhunderte in vielen muslimischen Gesellschaften geschätzt wurde – als sauberes Tier, als Mäusefängerin und als Teil des häuslichen Lebens.

Die islamische Tradition verbindet religiöse Grundsätze mit praktischen Erwägungen. Der Mensch trägt Verantwortung für Tiere, und Grausamkeit wird klar verurteilt. Die Katze tritt dabei als Beispiel für ein Tier auf, das Nähe zu Menschen sucht und zugleich eigenständig bleibt. Überlieferungen berichten von der Wertschätzung, die ihr der Prophet Mohammed entgegenbrachte. Diese Berichte begründen keine rituelle Sonderstellung, aber sie prägten die Haltung vieler Gemeinschaften. Daraus entstand ein Bild, das von Fürsorge und Respekt getragen wird.

Auch außerhalb der religiösen Texte entwickelte sich ein reiches kulturelles Erbe. Katzen in Städten wie Istanbul, Kairo oder Fez wurden Teil des öffentlichen Lebens, häufig versorgt durch Bewohnerinnen und Bewohner, teils auch durch Stiftungen. Diese Verbindung aus religiöser Orientierung, sozialem Miteinander und kultureller Praxis macht die Katze zu einem Tier, das im islamischen Kontext eine besondere, aber nicht überhöhte Rolle spielt.

2. Die Katze im Koran: Abwesenheit im Text – Bedeutung in der Tradition

Die Katze wird im Koran nicht ausdrücklich erwähnt. Diese Abwesenheit bedeutet jedoch nicht, dass sie ohne Bedeutung wäre. Der Koran nennt nur ausgewählte Tiere, die in bestimmten narrativen oder rechtlichen Zusammenhängen eine Rolle spielen. Viele Tiere des Alltagslebens erscheinen nicht im Text, obwohl sie für die Menschen wichtig waren. Die Einordnung der Katze ergibt sich daher nicht aus dem Koran selbst, sondern aus der breiteren religiösen Tradition und den Überlieferungen.

Wichtig ist, dass der Koran klare Grundsätze im Umgang mit Tieren formuliert. Sie sind Teil der Schöpfung, und der Mensch trägt Verantwortung für ihr Wohlergehen. Diese Grundhaltung bildet das Fundament für spätere Auslegungen. Die Katze wird nicht als unrein oder als Tier mit besonderem rituellen Status betrachtet. Stattdessen gilt sie als sauber und als Geschöpf, das dem Menschen nahe sein kann, ohne rechtliche Einschränkungen auszulösen.

Die Abwesenheit der Katze im Koran eröffnet Raum für die Bedeutung, die sie später in Hadith, Rechtslehre und Kultur erhält. Diese Traditionen formen das Bild der Katze weit stärker als der Koran selbst. Sie machen deutlich, wie religiöse Überlieferung und praktische Erfahrung zusammenwirken, um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu gestalten.

3. Die Katze in den Hadithen: Nähe, Fürsorge und alltägliche Praxis

In den Hadithen, den überlieferten Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed, findet die Katze deutlich mehr Beachtung als im Koran. Diese Überlieferungen prägen maßgeblich das islamische Verständnis ihres Wesens und ihres Platzes im Alltag. Katzen gelten als saubere Tiere, die sich im häuslichen Umfeld ohne rituelle Bedenken aufhalten dürfen. Besonders häufig wird betont, dass sie keinen rituellen Makel übertragen und daher mit Geschirr, Kleidung oder Räumen in Kontakt kommen dürfen, ohne dass eine Reinigung erforderlich ist.

Eine der bekanntesten belegten Überlieferungen steht in Sahih Muslim (Nr. 2242). Danach wurde eine Frau bestraft, weil sie eine Katze angebunden oder eingesperrt hatte, bis sie starb, ohne ihr Futter oder Wasser zu geben. Dieser Bericht wird unter anderem von Abdullah ibn Umar und von Abu Huraira überliefert. Er zeigt, dass die Quälerei eines Tieres als schwere Verfehlung gilt, auch bei einer Katze. Daneben erzählt man sich, der Prophet habe seinen Ärmel abgeschnitten, um eine schlafende Katze nicht zu stören. Diese Geschichte ist jedoch nicht gesichert belegt (mehr dazu in Kapitel 9). Sie wird nicht als religiöse Vorschrift verstanden, wohl aber als Beispiel für einen respektvollen Umgang mit Tieren.

Hadithe betonen zudem, dass Tiere nicht gequält werden dürfen und dass der Mensch verpflichtet ist, ihnen Nahrung und Schutz zu gewähren. Auch Katzen fallen unter diese Grundsätze. Ihre Rolle im Alltag der frühen muslimischen Gemeinschaften spiegelt sich in zahlreichen Berichten wider, die zeigen, dass sie als Teil des häuslichen Lebens geschätzt wurden. So entstand ein Bild von Nähe und Akzeptanz, das bis heute in vielen Regionen wirkt. Für gesundheitliche Fragen oder Erkrankungen gilt auch hier: Sie sollten immer durch einen Tierarzt abgeklärt werden.

4. Die Katze in der islamischen Rechtslehre (Fiqh): Reinheit, Alltag und Verantwortung

Die islamische Rechtslehre ordnet die Katze klar als reines Tier ein. Ihr Speichel gilt nicht als rituell verunreinigend, und ihr Aufenthalt in Wohnräumen, auf Kleidung oder an Wasserstellen ist erlaubt. Diese Einordnung unterscheidet sie deutlich von anderen Tieren, wie etwa dem Hund, dessen Speichel in manchen Rechtsschulen, etwa bei den Hanafiten, als unrein gilt (die Malikiten sehen das anders). Die Katze hingegen verursacht keine rituellen Einschränkungen und kann daher problemlos im Haushalt leben. Diese Regelung prägte über Jahrhunderte den Umgang mit Katzen im islamischen Kulturraum.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Versorgung und den Schutz von Tieren. Die Rechtslehre betont, dass Tiere nicht hungern oder vernachlässigt werden dürfen. Wer ein Tier hält, ist verpflichtet, für seine Bedürfnisse zu sorgen. Für Katzen bedeutet dies ausreichend Nahrung, Wasser und eine Umgebung, in der sie sich sicher bewegen können. Wird ein Tier schlecht behandelt oder ausgesetzt, gilt dies als Verfehlung gegen die religiöse Verantwortung des Menschen. Bei gesundheitlichen Problemen sollte stets ein Tierarzt zu Rate gezogen werden.

In einigen Rechtsquellen wird zudem über die Haftung bei Schäden gesprochen, die eine Katze verursacht. Anders als bei Nutz- oder Lasttieren wird ihr Verhalten oft als eigenständig angesehen, sodass die Haftung situativ bewertet wird. Die Katze gilt weder als gefährlich noch als unkontrollierbar, doch sie handelt unabhängig. Diese Einschätzung deckt sich mit der Beobachtung ihres natürlichen Verhaltens und zeigt, dass die Rechtslehre versuchte, praxisnahe Lösungen zu finden.

5. Die Katze im Sufismus: Symbolik, Wahrnehmung und spirituelle Bilder

Im Sufismus, der mystischen Strömung des Islam, besitzt die Katze keine feste religiöse Bedeutung, doch sie erscheint in Bildern und Gleichnissen, die spirituelle Erfahrungen veranschaulichen sollen. Sufistische Autoren greifen häufig auf Beobachtungen aus dem Alltag zurück, um innere Zustände zu beschreiben. Die Katze dient dabei gelegentlich als Beispiel für Wachsamkeit, Ruhe oder die Fähigkeit, sich lautlos zu bewegen. Diese Eigenschaften werden metaphorisch auf geistige Haltungen übertragen, ohne dass die Katze selbst eine spirituelle Sonderrolle erhält.

Einige sufistische Texte erwähnen die feine Wahrnehmung von Katzen. Diese Beobachtung wird genutzt, um zu beschreiben, wie ein Mensch innere Regungen oder göttliche Zeichen aufmerksam wahrnehmen soll. Auch hier handelt es sich um Bilder, nicht um Aussagen über eine besondere spirituelle Begabung des Tieres. Der Sufismus arbeitet mit poetischer Sprache, und viele seiner Gleichnisse sind bewusst offen gestaltet, damit sie in verschiedenen Kontexten verstanden werden können.

Darüber hinaus taucht die Katze in Erzählungen und Anekdoten sufistischer Lehrer auf, meist in alltäglichen Situationen. Sie steht für Gelassenheit oder für das stille Vertrauen, das ein Schüler zum Lehrer entwickelt. Solche Darstellungen sollen nicht als Theologie gelesen werden, sondern als pädagogische Mittel, um abstrakte Ideen verständlich zu machen. Die Katze bleibt auch hier ein Geschöpf der Schöpfung – geschätzt, beobachtet, aber nicht sakralisiert.

6. Die Katze im sunnitischen und schiitischen Denken: Gemeinsame Grundlagen, unterschiedliche Nuancen

Sowohl im sunnitischen als auch im schiitischen Islam genießt die Katze einen positiven Ruf. Beide Traditionen betrachten sie als reines Tier, das ohne rituelle Bedenken im Haushalt leben kann. Diese gemeinsame Grundlage beruht auf Hadithen und auf der allgemeinen religiösen Pflicht, Tiere respektvoll zu behandeln. Unterschiede zwischen den Rechtsschulen betreffen vor allem Detailfragen, nicht jedoch die grundlegende Haltung gegenüber Katzen.

Im sunnitischen Fiqh wird die Katze häufig im Zusammenhang mit Reinheitsregeln erwähnt. Ihr Speichel gilt als rein, und ihr Zugang zu Wassergefäßen oder Wohnräumen wird ausdrücklich erlaubt. Diese pragmatische Sichtweise erleichterte den Alltag vieler Gemeinschaften, in denen Katzen als Mäusefängerinnen wichtig waren. Das schiitische Denken folgt diesen Grundsätzen weitgehend. Auch hier gilt die Katze als reines Tier, das nicht von Gebetsräumen oder Wohnbereichen ferngehalten werden muss.

Einige Unterschiede ergeben sich aus verschiedenen Auslegungen ethischer Fragen. Manche schiitische Rechtsschulen betonen stärker die Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren und heben den moralischen Charakter des Umgangs hervor. Andere regionale Traditionen legen besonderen Wert auf Fürsorge und Mitgefühl. Insgesamt aber bleibt die Stellung der Katze in beiden großen islamischen Strömungen ähnlich: Sie ist ein geschätztes, sauberes und von vielen Menschen im Alltag begleitetes Tier. Bei gesundheitlichen Problemen gilt auch hier der Grundsatz, eine tierärztliche Abklärung zu veranlassen.

7. Die Katze in islamischen Städten: Kultur, Fürsorge und soziale Verantwortung

In vielen islamischen Städten prägen Katzen bis heute das Straßen- und Gemeinschaftsbild. Städte wie Istanbul, Kairo, Marrakesch oder Fez sind bekannt für ihre großen Katzenpopulationen, die von Bewohnerinnen und Bewohnern oft selbstverständlich mitversorgt werden. Diese Tradition ist nicht nur kulturell gewachsen, sondern verbindet sich auch mit religiösen Grundsätzen: Tiere dürfen nicht hungern, und der Mensch trägt Verantwortung für ihre Versorgung. Aus dieser Haltung entstand ein soziales Miteinander, in dem Katzen ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens sind.

Besonders in Istanbul gibt es eine lange Geschichte der Fürsorge. Viele Menschen stellen Futter und Wasser bereit, und in manchen Vierteln werden kleine Unterstände für Straßenkatzen errichtet. Diese Praxis wird nicht als religiöser Akt verstanden, sondern als Ausdruck von Mitgefühl und Gemeinsinn. Ähnliche Traditionen finden sich in Nordafrika und im Nahen Osten, wo Katzen schon früh als nützliche und willkommene Tiere galten. Sie bewegten sich frei zwischen Häusern, Moscheen und Märkten und wurden oft von den Gemeinschaften geschützt.

Ein weiterer Aspekt betrifft das Verhältnis zwischen Straßenkatzen und religiösen Einrichtungen. In einigen Regionen übernehmen Moscheegemeinden kleine Versorgungsaufgaben oder unterstützen lokale Tierschutzinitiativen. Auch hier steht der praktische Gedanke im Vordergrund: Tiere sollen nicht leiden, und der Mensch soll Verantwortung übernehmen. Bei kranken oder verletzten Katzen gilt wie immer, dass medizinische Abklärungen durch einen Tierarzt notwendig sind.

8. Islamische Stiftungen (Waqf): Fürsorge für Katzen als soziale Aufgabe

In verschiedenen Epochen der islamischen Geschichte spielten Stiftungen – sogenannte Waqf – eine wichtige Rolle für soziale und religiöse Aufgaben. Diese Stiftungen dienten dazu, Gemeinschaften zu unterstützen, Bildung zu fördern oder Bedürftigen zu helfen. Überlieferungen zufolge wurden in manchen Regionen Waqf auch eingerichtet, um Tiere zu versorgen, darunter Katzen. Diese Form der Fürsorge zeigt, wie stark Mitgefühl und soziale Verantwortung im islamischen Denken verankert sind.

Aus Kairo wird überliefert, dass dort im Mittelalter ein Garten für streunende Katzen gestiftet wurde. Das wird traditionell dem Sultan Baibars im 13. Jahrhundert zugeschrieben, ein Stiftungsdokument dazu ist mir nicht bekannt. Der britische Orientalist Edward William Lane beschrieb in den 1830er-Jahren, dass in Kairo täglich Futter für die Katzen am Gerichtsgarten gebracht wurde. Solche Fürsorge war Ausdruck einer Haltung, die das Leiden von Tieren als moralische Herausforderung verstand. Sie sollte sicherstellen, dass Tiere nicht hungern mussten und dass Gemeinschaften in der Lage waren, ihre Umgebung auf humane Weise zu gestalten.

Dieser Gedanke wirkt bis in die Gegenwart hinein. Auch heute gibt es Initiativen, die auf ähnlichen Prinzipien beruhen, sei es durch private Spenden, ehrenamtliche Gruppen oder kommunale Programme. Die Verbindung zwischen religiöser Verantwortung und organisatorischer Fürsorge zeigt, dass der Schutz von Tieren in vielen muslimischen Kulturen als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird. Für kranke oder verletzte Katzen gilt weiterhin, dass ihre Behandlung durch einen Tierarzt erfolgen sollte.

9. Mythen und populäre Erzählungen: Zwischen historischer Überlieferung und moderner Fehlinterpretation

Rund um die Katze hat sich im islamischen Kulturraum eine Reihe von populären Erzählungen entwickelt, die oft weit verbreitet sind, aber nicht immer auf historischen Quellen beruhen. Eine der bekanntesten Geschichten betrifft die angebliche Lieblingskatze des Propheten Mohammed, „Muezza“. Die Erzählung, der Prophet habe seinen Ärmel abgeschnitten, um die schlafende Katze nicht zu stören, ist zwar Ausdruck einer respektvollen Haltung gegenüber Tieren, doch ihr historischer Ursprung ist unklar. Viele Gelehrte weisen darauf hin, dass diese Geschichte eher eine volkstümliche Ausschmückung ist als eine gesicherte Überlieferung.

Solche Erzählungen zeigen, wie kulturelle Vorstellungen entstehen und weitergegeben werden. Sie dienen weniger als historische Belege, sondern vielmehr als Ausdruck von Mitgefühl und von der Wertschätzung, die Katzen in vielen Gemeinschaften genießen. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen authentischen Hadithen und späteren Traditionen zu unterscheiden. Der Islam basiert auf überprüfbaren Quellen, und daher wird bei populären Geschichten oft geprüft, ob sie wirklich auf Überlieferungen zurückgehen.

Moderne Missverständnisse entstehen auch durch Vermischung mit fremden Traditionen oder durch vereinfachte Darstellungen in Medien und Literatur. Einige dieser Mythen verstärken positive Bilder, andere führen zu Verzerrungen. Ein sorgfältiger Umgang mit Quellen hilft, solche Fehlinterpretationen zu vermeiden und die tatsächliche Stellung der Katze im islamischen Denken präzise einzuordnen.

10. Ausblick: Die Katze im heutigen Islam – Kontinuität, Verantwortung und kulturelle Vielfalt

In der Gegenwart bleibt die Katze ein geschätztes Tier in vielen muslimischen Gesellschaften. Ihre Rolle hat sich über die Jahrhunderte hinweg kaum verändert: Sie ist Teil des Alltags, wird oft versorgt und findet sowohl im häuslichen Umfeld als auch im öffentlichen Raum ihren Platz. Diese Kontinuität zeigt, wie tief die Verbindung zwischen kultureller Praxis, religiöser Orientierung und sozialer Verantwortung verankert ist. Der Islam fordert, Tieren kein Leid zuzufügen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Diese Grundsätze gelten auch heute und prägen das Verhältnis zu Katzen in vielfältigen Gemeinschaften.

Gleichzeitig haben moderne Entwicklungen das Bewusstsein für Tierschutz gestärkt. In vielen Städten engagieren sich freiwillige Gruppen, Gemeinden und Organisationen für die Versorgung von Straßenkatzen, für Kastrationsprogramme und für medizinische Betreuung. Diese Initiativen verbinden religiöse Werte mit zeitgemäßen Herausforderungen. Sie zeigen, wie Schöpfungsverantwortung praktisch gestaltet werden kann. Bei gesundheitlichen Problemen bleibt die tierärztliche Abklärung unverzichtbar.

In kultureller Hinsicht hat die Katze in Literatur, Medien und Alltagsgeschichten weiterhin einen festen Platz. Sie steht für Unabhängigkeit, Gelassenheit und für die enge Verbindung zwischen Mensch und Tier. Diese Bilder knüpfen an historische Traditionen an, ohne sie zu idealisieren. Insgesamt dürfte die Katze auch künftig eine bedeutende, wenn auch nicht sakralisierte Rolle im Leben vieler muslimischer Gemeinschaften spielen – als vertrautes Tier, als kulturelles Symbol und als Teil einer ethisch geprägten Lebensweise.




15 Oktober 2026

Katzen als Schild: Die Legende von Pelusium

Stell dir eine Armee vor, die bereit zur Schlacht steht, die Bögen gespannt, die Speere in der Hand, und plötzlich kommen dem Gegner Soldaten entgegen, die Katzen auf dem Arm tragen. Niemand schießt. Niemand wagt es, einen Pfeil abzuschicken, aus Angst, ein heiliges Tier zu treffen. Die Schlacht ist verloren, bevor sie begonnen hat.

So wird es erzählt von der Schlacht bei Pelusium im Jahr 525 v. Chr., in der die Perser Ägypten eroberten. Es ist eine der berühmtesten Katzengeschichten der Antike. Ob sie wahr ist, ist eine andere Frage, und deshalb schauen wir uns heute an, was damals passiert ist, was nur erzählt wird und warum die Geschichte trotzdem so gut zu den Katzen passt.

Warum Katzen in Ägypten etwas Besonderes waren

Um die Geschichte zu verstehen, muss man wissen, wie wichtig Katzen im alten Ägypten waren. Sie sind dort seit etwa 1980 v. Chr. auf Bildern aus dem Alltag und aus Kultszenen zu sehen. Sie hielten Mäuse und Ratten von den Getreidespeichern fern und waren damit nützlich. Daraus wurde mit der Zeit mehr: Die Göttin Bastet, die für Heim, Schutz und Fruchtbarkeit stand, wurde zuerst mit einem Löwenkopf dargestellt und ab etwa 950 v. Chr. mit dem Kopf einer Katze.

Ihr Hauptort war die Stadt Bubastis im Nildelta. Der Geschichtsschreiber Herodot beschreibt, dass dort das größte Fest des ganzen Landes gefeiert wurde, zu dem Hunderttausende pilgerten. Und es gab Katzenmumien: Bei Ausgrabungen im 19. Jahrhundert fand man in Beni Hasan allein mehr als 200.000 Tiermumien, die meisten davon Katzen. Die Zahlen aus dieser Zeit sind allerdings nicht vollständig dokumentiert, manche Funde gingen sogar verloren.

Wer eine Katze tötete, beging ein schweres Verbrechen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor berichtet, dass in den Jahren um 60 bis 56 v. Chr. aufgebrachte Ägypter einen Römer töteten, der eine Katze umgebracht hatte, obwohl der König selbst eingreifen wollte. Das zeigt, wie ernst die Menschen das nahmen.

Was die Mumien erzählen

Die Katzenmumien erzählen allerdings nicht nur Schönes. Röntgenaufnahmen von Mumien aus Saqqara zeigen bei manchen Tieren Schädelbrüche, und zwei Katzenmumien im British Museum wurden erdrosselt, bevor sie zwei Jahre alt waren. Unter den Funden in Lyon sind Kätzchen mit Milchzähnen. Das lässt vermuten, dass viele Tiere jung getötet wurden, um sie der Göttin zu opfern. Ob man sie dafür eigens züchtete, ist eine Vermutung, die sich nicht sicher belegen lässt.

Bei neueren Grabungen in den Anubis-Katakomben von Saqqara fand man ab 2009 die Mumien von 335 Hauskatzen und 29 Dschungelkatzen. Und eine Wandmalerei in einem Grab aus der 5. Dynastie, etwa im 26. Jahrhundert v. Chr., zeigt schon eine Katze mit Halsband. Katzen gehörten also sehr lange zum Alltag der Ägypter, weit länger, als es den Kult der Bastet gab.

Wie es zum Krieg kam

Eine Warnung vorab: Fast alles, was wir über diese Vorgeschichte wissen, kommt von Herodot. Er gilt als „Vater der Geschichtsschreibung“ und hat gewaltig viel gesammelt, vermischt aber Tatsachen mit Anekdoten, Gerüchten und Legenden. Man muss ihn also mit Vorsicht lesen.

525 v. Chr. war Ägypten kein Land, das nur wegen seiner Katzen berühmt war. Es war reich, alt und ein begehrtes Ziel. Das Perserreich unter König Kambyses II., dem Sohn von Kyros dem Großen, wollte es erobern. Herodot erzählt dazu eine persönliche Geschichte, die man allerdings nicht überprüfen kann.

Nach dieser Erzählung bat Kambyses den ägyptischen Pharao Amasis um eine seiner Töchter. Angeblich hatte ein ägyptischer Arzt, der sich über Zwangsarbeit beschwerte, ihm diesen Rat gegeben. Amasis wollte seine Tochter nicht nach Persien schicken und schickte stattdessen Nitetis, die Tochter seines Vorgängers Apries, den er selbst besiegt hatte. Nitetis soll den Betrug in Persien verraten haben. Kambyses fühlte sich gekränkt und schwor Rache.

Dazu kommt der zweite Teil der Erzählung: Phanes von Halikarnassos, ein Söldnerführer und Berater des Pharaos, geriet mit Amasis in Streit und floh nach Persien. Dort soll er dem König bei der Planung des Feldzugs geholfen haben, weil er Ägypten genau kannte. Herodot erwähnt auch, dass Amasis kurz vor Kambyses' Ankunft starb, sein Sohn Psammetich III. (auch Psamtik genannt) kam sechs Monate vor dem Angriff auf den Thron.

Wie viel davon wahr ist, wissen wir nicht. Die Geschichten mit Nitetis und Phanes stehen alle bei Herodot, und es gibt keine unabhängige Bestätigung. Sicher ist nur: Die Perser rückten auf Ägypten vor, und der neue Pharao war noch kaum im Amt.

Die Schlacht bei Pelusium

Pelusium lag am östlichen Rand des Nildeltas, etwa 30 Kilometer südöstlich des heutigen Port Said. Die Stadt war das Tor nach Ägypten für jeden, der aus dem Osten kam, und deshalb wurde sie von Eroberern immer wieder angegriffen. Dort trafen Perser und Ägypter 525 v. Chr. aufeinander. Es war die erste große Schlacht zwischen dem Perserreich und Ägypten.

Über den Verlauf wissen wir erstaunlich wenig. Herodot, der die Gegend später besuchte, erzählt nur wenig von den Kämpfen selbst. Er berichtet aber, dass dort noch lange Knochen der Gefallenen lagen, und dass man die Schädel der Perser und der Ägypter an ihrer unterschiedlichen Festigkeit unterscheiden konnte. Die Ägypter wurden geschlagen und zogen sich nach Memphis zurück. Zahlen zur Stärke der Heere gibt es nicht. Der Geschichtsschreiber Ktesias nennt 50.000 tote Ägypter und 7.000 tote Perser, aber das ist nur eine einzige Quelle, und die Zahlen lassen sich nicht überprüfen.

Die Katzen von Pelusium

Und hier beginnt die Katzenlegende. Der Schriftsteller Polyaenus, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte, also etwa 700 Jahre nach der Schlacht, sammelte in seinem Buch „Stratagems“ Kriegslisten. Eine davon betrifft Pelusium: Kambyses soll seine Soldaten angewiesen haben, Tiere, die den Ägyptern heilig waren, vor sich her zu tragen oder in die ersten Reihen zu stellen. Genannt werden vor allem Katzen, die der Göttin Bastet zugeordnet waren. Die Ägypter hätten aus Respekt vor den Tieren nicht geschossen, und so sei die Stadt gefallen.

Eine Geschichte, die man sich gut vorstellen kann, und genau das macht sie so beliebt. Sie wird bis heute in Büchern, Dokumentationen und im Internet erzählt, manchmal mit Zusätzen. Manche Fassungen lassen die Perser sogar Bilder der Katzengöttin auf ihre Schilde malen. Das ist vermutlich eine spätere Ausschmückung.

Ob sie stimmt, ist dagegen sehr fraglich. Herodot, der die Schlacht und das Schlachtfeld kennt, erwähnt Katzen mit keinem Wort. Er schreibt überhaupt kaum etwas über die Kämpfe. Polyaenus schrieb sieben Jahrhunderte später und sammelte Kriegslisten, bei denen es oft mehr um eine gute Geschichte als um genaue Geschichtsschreibung ging. Die meisten Forscher halten die Katzen-Taktik daher für eine Legende. Sie zeigt eher, was man später über die Ägypter und ihre Tiere erzählte, als was bei Pelusium wirklich geschah.

Trotzdem steckt etwas Wahres darin, auch wenn es nicht auf dem Schlachtfeld passiert sein mag: Die Verehrung der Katzen in Ägypten war so bekannt, dass man einem Gegner zutraute, damit Politik und Krieg zu machen. Wer so etwas erzählt, geht davon aus, dass jeder die Katze als Heiligtum kennt.

Was danach geschah

Nach der Schlacht zog Kambyses nach Memphis. Laut Herodot wurde ein persischer Bote, der die Stadt zur Übergabe aufforderte, im Hafen getötet, und die Perser rächten sich mit Hinrichtungen. Memphis fiel, Psammetich III. wurde gefangen genommen. Später soll er versucht haben, sich gegen die Perser zu erheben, und beging nach Herodots Bericht Selbstmord. Andere Quellen erzählen es anders, auch hier ist die Überlieferung nicht eindeutig.

Herodot berichtet außerdem, Kambyses habe das Grab des toten Amasis geschändet und seine Mumie verbrennen lassen. Der moderne Historiker Pierre Briant hält das für falsch. Die Perser waren in Ägypten offenbar vorsichtiger, als es solche Geschichten vermuten lassen.

Kambyses wurde als Pharao anerkannt. Die persischen Herrscher gelten in den Listen als 27. Dynastie. Sie regierten Ägypten gut hundert Jahre, bis etwa 404 v. Chr. Danach gelang es den Ägyptern, die Perser für einige Zeit zu vertreiben. 331 v. Chr. eroberte Alexander der Große das Land.

Was bleibt

Die Schlacht bei Pelusium war ein Wendepunkt, das ist sicher. Ägypten verlor 525 v. Chr. seine Unabhängigkeit, und das, was danach kam, war bis in die römische Zeit eine Folge von Fremdherrschaften.

Die Katzenlegende bleibt dagegen eine Geschichte, bei der man gern glauben möchte, dass sie stimmt. Eine Armee, die wegen ein paar Katzen die Waffen senkt, passt zu den Katzen: Sie bekommen, was sie wollen, ohne dass jemand merkt, wie. Vielleicht war es nie so. Aber dass man es über zweitausend Jahre später immer noch erzählt, sagt viel darüber, wie sehr Menschen Katzen schon immer als etwas Besonderes gesehen haben.

Und jetzt bist du dran: Glaubst du die Geschichte, oder ist sie dir zu schön, um wahr zu sein? Schreib es gern in die Kommentare.




14 Oktober 2026

Le Chat Noir und die Katzen von Montmartre

Wer heute auf den Hügel von Montmartre steigt, sieht Touristen, Maler mit Staffeleien und viele Cafés. Vor gut hundertfünfzig Jahren sah es dort anders aus. Es gab Windmühlen, steile Treppen, verwilderte Gärten und dazwischen Künstler, die sich die Mieten im Zentrum nicht leisten konnten. Und es gab Katzen. Sie saßen auf den Dächern, schlichen durch die Hinterhöfe und gehörten so selbstverständlich zum Viertel wie der Wein. Eine davon wurde berühmt, obwohl niemand sicher weiß, ob es sie je gab: die schwarze Katze, nach der ein Cabaret benannt wurde und die bis heute auf Plakaten, Postkarten und Souvenirs durch Paris läuft.

In diesem Beitrag erzähle ich dir, wie die Katze zum Symbol der Pariser Künstlerszene wurde, wer sie gezeichnet, besungen und beschrieben hat und was davon belegt ist. Denn bei einem so schönen Thema wird viel erzählt, und nicht alles ist wahr.

Montmartre: Ein Dorf mit Dächern

Bis 1860 lag Montmartre vor den Toren von Paris. Dann wurde es eingemeindet und gehörte plötzlich zur Großstadt. Ein bisschen Dorf blieb es trotzdem: Es gab Weinberge, Gassen und Hinterhöfe, die kaum jemand kannte. Wer wenig Geld hatte, zog hier hin. Maler, Dichter, Musiker und alle, die sich in der geordneten Innenstadt nicht wohlfühlten, fanden hier günstige Zimmer.

Für Katzen war das ein ideales Revier. Dächer, Mauern, Treppen und Gärten boten viele Verstecke und genug Mäuse. Für die Künstler waren sie gute Gesellschaft: Sie lebten ebenfalls am Rand, hielten sich an keine Regeln und kamen irgendwie durch. Das passte zu dem Bild, das sich die Künstler von sich selbst machten. Sie sahen sich als Straßenkatzen der Kunstwelt: nachtaktiv, laut, unabhängig und von den feinen Salons nicht gern gesehen.

Die vornehme Gegenseite gab es auch. Der Schriftsteller Champfleury, der Ende der 1860er Jahre ein Buch über Katzen veröffentlichte (Les Chats, 1869), unterschied zwischen den Salonkatzen der Reichen, den Ladenkatzen der Händler und den Katzen der Concierges. Am anderen Ende stand die Dachrinnenkatze, der „Chat de gouttière“, die Streunerin ohne Zuhause. Sie wurde für viele Künstler zum Lieblingsbild.

Wie das Chat Noir zu seinem Namen kam

Am 18. November 1881 eröffnete Rodolphe Salis am Boulevard de Rochechouart 84 ein Lokal, das er „Le Chat Noir“ nannte, die schwarze Katze. Salis war eigentlich Maler, hatte aber mehr Talent als Gastgeber und Schausteller. Er wollte einen Ort schaffen, an dem Künstler auftreten, ausprobieren und feiern konnten, ohne dass ein Museum oder ein Salon über sie bestimmte.

Woher der Name kam, wird auf verschiedene Weise erzählt. Eine Geschichte besagt, Salis habe vor dem Haus eine magere schwarze Katze gesehen, die ihn anmiaute, und das als Zeichen genommen. Ob das stimmt oder ob er sich die Geschichte für die Werbung ausgedacht hat, ist nicht geklärt. Sicher ist: Die schwarze Katze wurde das Markenzeichen des Hauses.

Dass ausgerechnet eine schwarze Katze zum Symbol wurde, war auch eine kleine Provokation. In vielen Köpfen stand sie damals für Unglück und böse Mächte. Die jungen Künstler drehten das um. Für sie war die schwarze Katze ein Zeichen für Freiheit und für einen Humor, der sich über Autoritäten lustig machte.

Hydropathen, Schattentheater und eine Zeitschrift

Der Erfolg des Chat Noir hing an den Menschen, die dort hinkamen. Besonders wichtig war eine Gruppe junger Dichter und Musiker, die sich „Hydropathen“ nannten, wörtlich die „Wasserscheuen“. Das war ein Scherz auf ihre Vorliebe für Wein und Ironie. Ihr Anführer, der Schriftsteller Émile Goudeau, zog mit der Gruppe vom Quartier Latin nach Montmartre, und Salis hatte damit gewonnen: Die junge Avantgarde traf sich jetzt bei ihm.

Dazu kam das Schattentheater. Henri Rivière bastelte aus Zink ausgeschnittene Figuren, die vor einer hell erleuchteten Leinwand bewegt wurden. Die erste Vorstellung, so wird berichtet, fand 1885 mit einer Serviette als Leinwand statt, ab 1887 gab es ein richtiges Schattentheater. Das passte gut zur schwarzen Katze: Eine schwarze Katze bei Nacht sieht ohnehin aus wie ein Schattenriss.

Von 1882 bis 1895 erschien außerdem eine Wochenzeitschrift mit dem Namen „Le Chat Noir“. Dort standen Gedichte, Satire und Zeichnungen. So wurde die Katze weit über den Hügel hinaus bekannt. 1885 zog das Cabaret in größere Räume in der Rue Victor-Massé um. Rodolphe Salis starb am 19. März 1897. Danach ging die große Zeit des Hauses zu Ende.

Steinlen und das berühmteste Katzenplakat der Welt

Wer ein Bild von „Le Chat Noir“ vor Augen hat, denkt meist an das Plakat von Théophile-Alexandre Steinlen. Steinlen wurde 1859 in Lausanne in der Schweiz geboren und zog als junger Mann nach Paris. Er war ein Künstler mit sozialem Gewissen, arbeitete für Zeitschriften, die Armut und Ungerechtigkeit zeigten, und hatte eine Schwäche für Katzen. Er zeichnete sie in allen Lebenslagen: schlafend, spielend, kämpfend. Politisch stand er links und arbeitete für sozialistische und anarchistische Blätter, manchmal unter Pseudonym, um nicht wegen scharfer Kritik an Missständen Ärger zu bekommen. Regelmäßig lieferte er Zeichnungen für Zeitschriften wie L'Assiette au Beurre, Le Rire und Gil Blas, und 1911 gehörte er zu den Gründern der Zeitschrift Les Humoristes. Seine Katzen waren deshalb oft keine hübschen Salonkatzen, sondern Tiere, die durch Regen und Schnee laufen. Ein ganzer Band mit Bildergeschichten ohne Worte („Dessins sans paroles des chats“) zeigt, wie genau er sie beobachtete.

Sein bekanntestes Katzenbild entstand 1896: „La Tournée du Chat Noir“, ein Plakat für eine Tournee der Künstler durch Frankreich. Eine schwarze Katze sitzt vor einem kräftig roten Grund und schaut den Betrachter an. Das Plakat wurde so berühmt, dass man es heute überall findet, auf Postkarten, Tassen und Taschen.

Steinlen starb am 13. Dezember 1923 in Paris und liegt auf dem Friedhof Saint-Vincent in Montmartre begraben. 1936 wurde ihm im Viertel ein Denkmal gesetzt.

Du liest manchmal, Steinlen habe ein ganzes Katzenhaus in der Rue Caulaincourt geführt oder ein Krokodil als Haustier gehalten. Ich habe dafür keine verlässlichen Belege gefunden. Dass er Katzen liebte, ist dagegen gut belegt.

Dichter, Maler und ihre Katzen

Das Chat Noir war nicht der Anfang. Schon vorher hatten Dichter und Maler die Katze entdeckt.

Charles Baudelaire widmete ihr in seinem Gedichtband Les Fleurs du Mal mehrere Gedichte, darunter „Le Chat“ und „Les Chats“. In einem nennt er die Katzen „Freunde der Wissenschaft und der Wollust“. Für ihn war die Katze zugleich vertraut und geheimnisvoll: ein Tier, das auf dem Teppich liegt und mit den Gedanken ganz woanders ist.

Édouard Manet malte zwischen 1863 und 1865 sein berühmtes Bild Olympia, das 1865 im Pariser Salon gezeigt wurde. Am Fußende des Bettes sitzt eine kleine schwarze Katze mit aufgestelltem Schwanz. In Tizians Venus von Urbino, dem großen Vorbild, lag an dieser Stelle ein Hund, ein Zeichen für Treue. Manet tauschte ihn gegen eine Katze, die für nächtliche Zügellosigkeit stand, und das Bild war ein Skandal. Konservative Kritiker fanden es unmoralisch und vulgär, das Publikum war empört. Heute hängt es im Musée d'Orsay in Paris. Er illustrierte außerdem Champfleurys Katzenbuch mit einer Radierung und einer Lithografie.

Colette, die Schriftstellerin, lebte ihr ganzes Leben mit Katzen. In ihren Dialogues de bêtes (1904) lässt sie den Hund Toby und die Katze Kiki-la-Doucette miteinander reden, und die Katze ist die Klügere. In ihrem Roman La Chatte (1933) liebt ein junger Mann seine Katze Saha mehr als seine Ehefrau, und die Ehe zerbricht daran. Die Katze in diesem Roman ist ein Chartreux, eine blaugraue Rasse.

Guillaume Apollinaire schrieb 1911 in seinem Bestiaire ein Gedicht über die Katze. Suzanne Valadon, Malerin und Mutter des Malers Maurice Utrillo, hatte viele Katzen. Man erzählt, dass sie sie mit Kaviar fütterte, aber das ist eine Anekdote und nicht bewiesen.

Pablo Picasso lebte Anfang des 20. Jahrhunderts am Montmartre. Eine beliebte Geschichte erzählt von der Siamkatze Minou, die ihm eine Wurst stahl und ihn so zu Zirkusleuten führte, was den Wechsel von der Blauen zur Rosa Periode ausgelöst haben soll. Das ist eine hübsche Legende, aber keine Tatsache. Als Gründe für den Wechsel nennt man in der Regel Picassos Beziehung zu Fernande Olivier und seine bessere Stimmung ab 1904. Später malte er allerdings tatsächlich eine Katze ins Bild: In „Dora Maar au chat“ von 1941 sitzt eine kleine schwarze Katze auf der Schulter der Porträtierten. Das Gemälde wurde 2006 bei einer Auktion in New York für rund 95 Millionen US-Dollar verkauft, damals einer der höchsten Preise, die je für ein Kunstwerk gezahlt wurden.

Eine dunkle Geschichte: Das große Katzenmassaker

Dass Paris Katzen heute so liebt, war nicht immer so. Der Historiker Robert Darnton beschreibt in einem berühmten Aufsatz das „große Katzenmassaker“ aus den 1730er Jahren. Lehrlinge in einer Pariser Druckerei, die schlecht behandelt und schlecht ernährt wurden, fingen die Katzen ihrer Meister ein und töteten sie. Sie machten daraus sogar eine Art Schauspiel. Die Katzen standen dabei stellvertretend für die Meister, denen es besser ging als ihnen. Für den Historiker ist die Geschichte ein Beispiel dafür, wie groß die Spannungen zwischen Arm und Reich damals waren.

Rund hundertfünfzig Jahre später wurde die Katze von den Künstlern des Montmartre zum Symbol des Widerstands gemacht. Das ist ein bemerkenswerter Wandel: von einem Tier, an dem man seine Wut ausließ, zu einem Tier, das für Freiheit stand.

Und heute?

Die Katzen sind geblieben. Auf dem Friedhof von Montmartre, wo unter anderem Edgar Degas, Heinrich Heine und Hector Berlioz begraben sind, leben heute etwa fünfzig Straßenkatzen, die von Helfern versorgt werden. Sie sonnen sich auf den Grabsteinen und verstecken sich vor den Besuchern. Ob schon zu Steinlens Zeiten dort Katzen lebten, weiß ich nicht. Die Vorstellung, dass er dort zeichnete, ist hübsch, aber nicht belegt.

Das Cabaret gibt es in dieser Form nicht mehr, aber das Bild der schwarzen Katze lebt weiter. Es zeigt, wie eine Idee zum Symbol werden kann: Ein Wirt erzählt eine Geschichte, ein Künstler zeichnet ein Plakat, und plötzlich hängt die Katze in Wohnzimmern auf der ganzen Welt.

Was bleibt

Die Katze von Montmartre hat uns etwas hinterlassen, das mit Paris nur noch wenig zu tun hat. Sie steht für das, was viele von uns an Katzen mögen: dass sie sich nicht anbiedern, dass sie ihren eigenen Kopf haben und dass sie überall zu Hause sind, wo es warm und ruhig ist. Die Künstler damals haben das gesehen und bewundert. Und wer eine Katze zu Hause hat, kennt das Gefühl, wenn sie sich ausgerechnet auf das Blatt Papier legt, an dem man gerade arbeitet.

Und jetzt bist du dran: Kennst du ein Kunstwerk oder ein Buch mit einer berühmten Katze? Schreib es gern in die Kommentare.




07 Oktober 2026

Kitten-, Adult- und Seniorfutter: Was steckt wirklich dahinter?

Im Regal steht „Kitten“, „Adult“ und „Senior 7+“, und man denkt: Wird schon seinen Grund haben. Hat es auch, aber nur zum Teil. Beim Kitten ist der Unterschied echt und wichtig. Beim Senior sieht es ganz anders aus, denn dieses Wort ist rechtlich und wissenschaftlich kaum mehr als ein Aufdruck auf der Packung. Ich habe mir angesehen, was Tierärzte, Ernährungsfachleute und die Studien dazu sagen, und erkläre es so, wie ich es einem Freund am Küchentisch erzählen würde.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kitten brauchen ein Futter für Wachstum. Das ist gut belegt.
  • Erwachsene Katzen brauchen ein vollständiges Alleinfutter, und vor allem die richtige Menge.
  • „Senior“ ist kein geschützter Begriff und hat kein festgelegtes Nährstoffprofil. Entscheidend ist die einzelne Katze, nicht das Alter auf der Packung.
  • Gesunde alte Katzen sollten nicht pauschal eiweißarm gefüttert werden. Eine Nierendiät gehört nur nach Diagnose und in die Hand des Tierarztes.

Wann ist eine Katze eigentlich was?

Die Einteilung ist gar nicht so eindeutig, wie man denkt. Nach den amerikanischen Leitlinien von AAHA und AAFP (2021) gilt:

  • Kitten: von der Geburt bis zum ersten Geburtstag
  • Junge Erwachsene: 1 bis 6 Jahre
  • Reife Erwachsene (Mature): 7 bis 10 Jahre
  • Senioren: über 10 Jahre

Andere Fachleute teilen noch feiner ein, zum Beispiel Senioren von 11 bis 14 Jahren und „Super-Senioren“ ab 15. Die Leitlinie betont ausdrücklich, dass das nur Orientierungspunkte sind. Eine fitte Elfjährige kann körperlich näher an einer gesunden Neunjährigen sein als an einer gleichaltrigen Katze mit Krankheiten. Manche Katzen sind mit 8 schon ein Senior, andere mit 13 noch erstaunlich jung.

Kitten: Hier ist der Unterschied echt

Ein Kitten wächst in wenigen Monaten von einem winzigen Fellknäuel zu einer fast ausgewachsenen Katze. Das kostet Energie und Baumaterial. Nach den Angaben der FEDIAF, dem europäischen Heimtiernahrungsverband, braucht ein Kitten bis zum vierten Monat etwa zwei- bis zweieinhalbmal so viel Energie wie eine erwachsene Katze, zwischen vier und neun Monaten noch das Eineinhalbfache bis Doppelte, und auch mit neun bis zwölf Monaten ist es noch etwa das Eineinhalbfache. Dazu kommt: Der kleine Magen fasst nur wenig. Das Futter muss deshalb energiereich sein, damit das Kitten mit kleinen Portionen genug bekommt.

Knochen brauchen Baumaterial

Besonders deutlich wird der Unterschied bei den Mineralstoffen. Die FEDIAF empfiehlt für Wachstumsfutter mindestens 1,0 g Calcium und 0,84 g Phosphor pro 100 g Trockenmasse. Bei erwachsenen Katzen reichen je nach Energiebedarf 0,40 bis 0,53 g Calcium und 0,26 bis 0,35 g Phosphor. Das ist mehr als das Doppelte. Auch das Verhältnis von Calcium zu Phosphor ist beim Wachstum enger geregelt als bei erwachsenen Tieren. Fehler in dieser Zeit können die Knochenentwicklung dauerhaft schädigen.

Vitamin A, DHA und Taurin

Auch bei Vitamin A liegt der Mindestwert beim Kitten deutlich höher (900 IE gegenüber 333 bis 444 IE pro 100 g Trockenmasse). Dazu kommt eine kleine Menge DHA, eine Omega-3-Fettsäure. Junge Katzen können sie nur begrenzt selbst bilden, und sie spielt unter anderem für die Netzhaut eine Rolle. Taurin dagegen braucht jede Katze ein Leben lang. Es ist kein Kitten- oder Seniorstoff. Ein vollständiges Alleinfutter deckt das ab, und zusätzliches Taurin bringt einer gesunden Katze in der Regel nichts.

Kittenfutter oder „für alle Lebensphasen“

Ein reines Adultfutter erfüllt diese höheren Werte nicht unbedingt. Ein Kitten sollte deshalb ein Kittenfutter bekommen oder ein Alleinfutter, das ausdrücklich für alle Lebensphasen geeignet ist. Ein solches Futter muss die Werte für Wachstum erfüllen und ist deshalb auch für Kitten in Ordnung.

Und noch etwas, das viele vergessen: Das energiereiche Kittenfutter ist nichts für immer. Nach dem ersten Lebensjahr, spätestens aber nach der Kastration, nimmt eine Katze davon schnell zu. Die Gewichtskontrolle fängt also schon beim Kitten an.

Erwachsene Katzen: Die Menge zählt mehr als das Etikett

Bei erwachsenen Katzen reicht ein gutes, vollständiges Alleinfutter. Das größte Problem ist hier fast nie ein Mangel, sondern ein Zuviel. Der Energiebedarf schwankt enorm. Die FEDIAF rechnet bei kastrierten und wenig aktiven Wohnungskatzen mit deutlich weniger als bei aktiven Katzen. Bei einer Katze von vier Kilo sind das grob 35 bis 45 kcal pro Kilo Körpergewicht bei ruhigen Tieren, bei sehr aktiven Katzen können es rund 60 bis 65 kcal sein. Viele Fütterungsempfehlungen auf den Packungen sind eher großzügig, und genau da schleicht sich das Übergewicht ein.

Ein weiterer Punkt: Bei ruhigen, wenig fressenden Katzen muss das Futter pro Gramm mehr Nährstoffe enthalten, weil sie weniger davon essen. Deshalb liegen die FEDIAF-Mindestwerte für Protein bei diesen Tieren sogar höher (33,3 g pro 100 g Trockenmasse) als bei Katzen mit mehr Appetit (25 g). Das ist kein Widerspruch, sondern Mathematik: Wer weniger isst, muss aus dem Wenigen alles Nötige bekommen.

Deshalb gilt in diesem Alter: Regelmäßig wiegen, mit den Händen prüfen, ob man die Rippen noch leicht fühlen kann, und die Menge anpassen. Wenn eine Katze abnehmen soll, dann langsam. Bei zu schnellem Abnehmen kann die Leber einer Katze ernsthaft Schaden nehmen.

Senior: Ein Wort ohne feste Regeln

Und jetzt kommt der Punkt, den viele nicht wissen: Für Seniorkatzen gibt es weder bei der FEDIAF noch bei der amerikanischen AAFCO ein eigenes Nährstoffprofil. Beide kennen Wachstum und Erhaltung, aber keine Seniorstufe. Auch in der EU ist „Senior“ kein festgelegter Begriff mit einer Mindestanforderung. Jeder Hersteller entscheidet selbst, was er „Senior“ nennt und ab welchem Alter. Bei der einen Marke ist es „7+“, bei der anderen „11+“ oder „12+“.

Was in Seniorfutter wirklich steckt

Wie das in der Praxis aussieht, hat ein amerikanisches Forscherteam 2020 untersucht (Summers und Kollegen, veröffentlicht im Journal of Veterinary Internal Medicine). Sie haben 31 als Senior verkaufte Futter mit 59 Adultfuttern verglichen:

  • Protein: im Mittel 94 g gegenüber 100 g pro 1000 kcal
  • Phosphor: im Mittel 3,2 g gegenüber 3,1 g pro 1000 kcal
  • Rohfaser: hier lag das Seniorfutter deutlich vorn

Mit Ausnahme der Rohfaser unterschieden sich Senior- und Adultfutter also kaum. Dafür war die Spannbreite innerhalb der Seniorfutter riesig. Die Forscher raten Tierärzten deshalb, nicht pauschal „Seniorfutter“ zu empfehlen, sondern die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Katze zu berücksichtigen. Die Studie untersuchte Futter aus den USA. Für Europa kenne ich keine vergleichbare Untersuchung, das Grundproblem ist aber dasselbe.

Das heißt nicht, dass Seniorfutter schlecht ist. Manche sind gut, manche bringen wenig, manche sind für bestimmte Katzen sogar ungeeignet. Das Etikett verrät es nur nicht.

Mit dem Alter ändert sich die Richtung

Zwischen etwa 7 und 12 Jahren neigen viele Katzen zu Übergewicht. Sie bewegen sich weniger, und der Stoffwechsel wird ruhiger. In dieser Zeit kann ein energieärmeres Futter mit etwas mehr Rohfaser sinnvoll sein. Das gilt aber genauso für ein gutes „Light“-Futter für erwachsene Katzen. Ein Seniorfutter ist dafür nicht zwingend nötig.

Danach dreht es sich bei vielen Katzen um. Sie werden dünner und verlieren Muskeln. Ein Grund dafür ist, dass der Körper Fett und Energie schlechter verwertet. In einer Untersuchung lag die Fettverdaulichkeit bei älteren Katzen bei etwa 92 gegenüber 94 Prozent bei jüngeren, die Energieverdaulichkeit bei etwa 85 gegenüber 88,5 Prozent. Das klingt nach wenig, kann bei einer schlanken 14- oder 16-jährigen Katze aber wichtig werden. Die Leitlinie von AAHA und AAFP schreibt deshalb, dass Katzen über 10 Jahren oft 10 bis 20 Prozent mehr Energie brauchen, um ihr Gewicht zu halten, manchmal sogar noch mehr.

Der Eiweiß-Irrtum

Auch beim Eiweiß hält sich ein Irrtum hartnäckig. Viele denken, ältere Katzen bräuchten weniger Protein, um die Nieren zu schonen. Für gesunde Tiere stimmt das nicht. Die AAHA/AAFP-Leitlinie sagt ausdrücklich, dass gesunde ältere Katzen nicht eiweißreduziert gefüttert werden sollen. Katzen sind Fleischfresser mit einem Stoffwechsel, der ständig Eiweiß braucht, und im Alter verlieren viele ohnehin Muskelmasse. Als Richtwert nennt die Leitlinie mindestens 30 bis 45 Prozent Protein in der Trockenmasse.

Ein „leichtes“ Seniorfutter mit weniger Eiweiß und Fett ist für eine dünne 15-Jährige also oft genau das Falsche. Sie braucht eher ein gut verdauliches Futter mit ordentlich Energie und Eiweiß.

Phosphor: Das Thema hinter den Kulissen

Bei den Nieren spielt der Phosphor eine große Rolle. In Studien hat sich gezeigt, dass viele Futter ziemlich viel davon enthalten. Im Seniorfutter-Vergleich von Summers lag ein Drittel der untersuchten Produkte bei 3,6 g Phosphor pro 1000 kcal oder darüber. Die FEDIAF weist in ihren Richtlinien darauf hin, dass vor allem hohe Mengen leicht verfügbarer anorganischer Phosphate die Nierenwerte beeinflussen können, und sieht hier weiteren Forschungsbedarf. Daraus folgt aber nicht, dass jede gesunde alte Katze automatisch ein phosphorarmes Nierenfutter bekommen sollte. Ein gutes Alleinfutter mit moderatem Phosphorgehalt ist für gesunde Katzen die bessere Wahl.

Wenn die Nieren krank sind

Etwas anderes ist es, wenn der Tierarzt eine chronische Nierenerkrankung festgestellt hat. Dann ist eine echte Nierendiät mit stark reduziertem Phosphor sinnvoll. Das ist gut untersucht: In einer klassischen Studie von Elliott und Kollegen lebten Katzen mit Nierenerkrankung länger, wenn sie das Nierenfutter akzeptierten. Die Fachgesellschaft IRIS empfiehlt eine Nierendiät je nach Stadium der Erkrankung, bei fortgeschrittener Erkrankung ausdrücklich.

Wichtig ist aber: Das ist eine Entscheidung nach Blut- und Urinuntersuchung beim Tierarzt, nicht nach dem Regal im Laden. Und ein Seniorfutter ersetzt keine Nierendiät. Gibt es sehr phosphorarme Diäten, gehören sie zu einer überwachten Behandlung, denn in Einzelfällen kann sich auch der Calciumstoffwechsel verändern.

Nassfutter oder Trockenfutter?

Das größte Plus von Nassfutter ist das Wasser. Katzen trinken von sich aus oft wenig, und Nassfutter bringt viel Flüssigkeit mit. In einer Studie hatten Katzen, die ein Futter mit rund 73 Prozent Feuchtigkeit bekamen, deutlich stärker verdünnten Urin als Katzen mit trockeneren Rationen. Gerade bei Katzen mit Harnproblemen oder wenig Trinklust ist das ein echter Vorteil. Auch beim Abnehmen kann Nassfutter helfen, weil es pro Gramm weniger Energie enthält.

Trotzdem ist Trockenfutter kein Gift. Ein vollständiges Trockenfutter kann den Nährstoffbedarf ebenfalls decken. Die oft gehörte Behauptung, Trockenfutter verursache Nierenerkrankungen, ist nicht belegt. Die Fachgesellschaft IRIS schreibt dazu, dass eine Studie Trockenfutter sogar mit einem geringeren Risiko in Verbindung brachte, das aber in anderen Untersuchungen nicht bestätigt wurde. Solche Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien sind kein Beweis.

Trockenfutter hat allerdings viel Energie in wenig Menge. Wer es dauernd offen hinstellt, füttert eine ruhige Wohnungskatze schnell zu dick. Für eine dünne, sehr alte Katze mit kleinem Appetit kann genau diese Energiedichte ein Vorteil sein. Eine Mischung aus beidem ist völlig in Ordnung, solange man die Gesamtmenge im Blick behält.

Ein Tipp fürs Vergleichen

Auf der Dose steht zum Beispiel „10 % Protein“, auf dem Trockenfutter „30 %“. Das sieht nach viel weniger aus, ist es aber nicht. Rechnet man das Wasser heraus, steckt in einem Nassfutter mit 80 % Wasser und 10 % Protein ungefähr 50 % Protein in der Trockenmasse. Nur so lassen sich die beiden Futterarten wirklich vergleichen.

Und was ist mit BARF und Selbstgekochtem?

Viele wollen es „natürlicher“ machen, und das kann ich gut verstehen. Das Problem ist, dass eine richtig ausgewogene Ration schwer zu treffen ist. In einer deutschen Untersuchung wurden 44 fertige Rohfleischprodukte geprüft. Jedes davon hatte mindestens einen ernährungsphysiologischen Schwachpunkt, bei Protein und Fett lagen viele außerhalb der erlaubten Abweichungen, und in 2 von 10 darauf getesteten Produkten fanden sich Salmonellen. Dass rohe Fütterung auf Dauer gesünder ist, ist nicht belegt. Dafür sind Nährstofffehler und Keimbelastung gut dokumentiert.

Besonders heikel ist das bei Kitten, weil Fehler bei Calcium und Phosphor die Knochen dauerhaft schädigen können, und bei sehr alten oder kranken Katzen, deren Abwehr schwächer ist. Wer trotzdem barfen oder selbst kochen möchte, sollte die Ration von einem Fachtierarzt für Ernährung berechnen lassen, nicht eigenmächtig ändern und die vorgesehenen Zusätze konsequent geben. Beim Kochen geht übrigens auch Taurin verloren, das muss bei selbst gekochtem Futter berücksichtigt werden.

Drei Katzen, drei Situationen

Die dicke Katze mit 9 Jahren

Sie ist kastriert, liegt gern auf dem Sofa und hat in den letzten Jahren zugenommen. Hier hilft ein energieärmeres Futter mit ausreichend Eiweiß, ob es nun „Senior“ oder „Light“ heißt, und vor allem eine Menge, die zu ihr passt. Das Gewicht kontrollierst Du regelmäßig, und abgenommen wird langsam.

Die dünne Katze mit 15 Jahren

Sie frisst weniger als früher und man spürt die Wirbelsäule beim Streicheln. Hier ist ein „leichtes“ Seniorfutter genau das Falsche. Besser ist ein gut verdauliches Futter mit viel Energie und Eiweiß, in kleinen Portionen über den Tag verteilt. Und weil Gewichtsverlust im Alter auch eine Krankheit anzeigen kann, etwa an Schilddrüse, Nieren, Zähnen oder durch Diabetes, gehört sie zur Abklärung zum Tierarzt.

Die Katze mit schlechten Zähnen

Wenn Fressen weh tut, bleibt oft Futter liegen, und das wird dann leicht für „Altersappetitlosigkeit“ gehalten. Weiches Nassfutter kann eine Übergangslösung sein. Das eigentliche Ziel ist aber die Behandlung der Zähne. Der Gedanke, dass normales Trockenfutter die Zähne reinigt, ist übrigens nicht belegt, denn die meisten Kroketten zerbröseln beim Zubeißen. Einen nachgewiesenen Effekt haben nur spezielle Zahnpflegefutter.

Worauf Du beim Einkauf achten kannst

  • Kitten: Kittenfutter oder ein Alleinfutter „für alle Lebensphasen“, bis etwa zum ersten Geburtstag.
  • Erwachsene Katze: Ein vollständiges Alleinfutter, die Menge nach Gewicht und Figur der Katze, nicht nur nach der Packung.
  • Ab etwa 7 Jahren: Kein automatischer Wechsel nötig. Regelmäßig wiegen und einmal im Jahr zum Gesundheitscheck mit Blutwerten.
  • Ab etwa 10 bis 11 Jahren: Zweimal im Jahr zum Tierarzt. Nimmt die Katze ab, ist ein gut verdauliches, energie- und eiweißreiches Futter oft besser als ein „leichtes“ Seniorfutter.
  • „Senior“ auf der Packung: Nicht darauf verlassen, sondern die Zahlen für Protein, Fett, Phosphor und Energie ansehen und mit dem bisherigen Futter vergleichen. Fehlt der Phosphorgehalt, ruhig beim Hersteller nachfragen.
  • Nierendiät: Nur nach Diagnose und in Absprache mit dem Tierarzt.

Am Ende zählt die Katze

Beim Kitten ist altersgerechtes Futter echte Ernährungswissenschaft. Bei erwachsenen Katzen kommt es vor allem auf Qualität und Menge an. Bei Senioren hilft das Alter auf der Packung kaum weiter, denn da zählen Gewicht, Muskeln, Zähne und Blutwerte der einzelnen Katze. Das Wort „Senior“ allein sagt über den Inhalt nicht viel. Schau lieber auf die Katze, die vor Dir sitzt.

Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Jede Katze ist anders, besonders im Alter lohnt sich ein genauer Blick.




Quellen: FEDIAF Nutritional Guidelines, AAHA/AAFP Feline Life Stage Guidelines 2021, Summers et al. 2020 (J Vet Intern Med), Elliott et al. 2000, IRIS, Untersuchung zu kommerziellem Rohfutter (Deutschland).

06 Oktober 2026

Roms Katzen: Geschichte, Schutz und Leben zwischen Ruinen

Rom und seine Katzen

Rom ist eine Stadt aus Stein, Geschichte und Leben. Archäologen legen dort Schicht für Schicht alte Mauern aus Travertin und Tuffstein frei, um zu verstehen, wie unsere Zivilisation entstanden ist. Und zwischen all diesen Ruinen lebt seit Jahrhunderten noch eine zweite Gemeinschaft, die genauso zum Stadtbild gehört: die Katzen.

Die Katzen Roms sind keine bloßen Streuner. Sie gehören zu dieser Stadt wie das Kolosseum, und das ist ziemlich einzigartig. Kaum eine andere Metropole der Welt hat so viele frei lebende Katzen, die gleichzeitig gesetzlich geschützt, von den Einwohnern akzeptiert und bei Touristen beliebt sind.

In diesem Beitrag geht es um mehr als nur um ihre Anwesenheit. Die Stadt hat ihre Katzen offiziell zum „biokulturellen Erbe“ (patrimonio bioculturale) erklärt. Man kann sie durchaus als eine Art Schutzgeister der Orte sehen, an denen sie leben, denn sie schlagen die Brücke zwischen uralter Monumentalität und moderner Hektik.

Dass Katzen in archäologischen Stätten leben, ist weder Zufall noch Vernachlässigung. Es ist eine Koexistenz, die seit Jahrtausenden besteht und heute durch Tierschutzgesetze und viele Freiwillige am Laufen gehalten wird.

Der Beitrag stützt sich auf ganz unterschiedliche Quellen, von antiken Funden bis zu aktuellen Erhebungen der örtlichen Gesundheitsbehörden (ASL). Wir schauen uns die Gesetze an, die das Töten von Streunerkatzen verbieten und Rom zum Vorreiter der No-Kill-Politik gemacht haben. Danach geht es um große Katzenkolonien wie Torre Argentina, die Umgebung der Cestius-Pyramide und den Monumentalfriedhof Verano. An ihnen sieht man, wie aufwendig und zugleich menschlich das Koloniemanagement heute ist. Zum Schluss geht es um die „Gattare“, die Katzenbetreuer. Sie wurden lange belächelt und sind heute eine tragende Säule des städtischen Tierschutzes.

Wie die Katzen nach Rom kamen

Wer verstehen will, warum Roms Katzen heute einen so besonderen Status haben, muss in die Vergangenheit schauen. Die Katze war nicht von Anfang an in Italien zu Hause, anders als zum Beispiel der Wolf. Sie kam mit Handel, Reisen und den Eroberungszügen der Römer auf die Halbinsel.

Ägyptische Wurzeln und der Weg nach Rom

Gezähmt wurden Katzen zuerst im Nahen Osten und in Ägypten. Dort galten sie als heilige Tiere und standen unter besonderem Schutz. Trotzdem fanden sie über die Handelswege ihren Weg durch den ganzen Mittelmeerraum.

Die Römer sahen in ihnen zunächst vor allem Nutztiere. Funde aus römischen Militärlagern an der Donau und in Britannien zeigen, dass Katzen die Legionen begleiteten. Ihr Job war klar: Vorräte vor Ratten und Mäusen schützen. Ohne gesicherte Lebensmittel hält kein Heer lange durch, die Katze war also ein stiller, aber wichtiger Helfer der römischen Expansion.

Rom war außerdem ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Mit der Eroberung Ägyptens kamen nicht nur Getreide und Waren in die Hauptstadt, sondern auch neue Götter. Der Kult um die Göttin Isis fand besonders in der Kaiserzeit viele Anhänger, und in manchen Stadtteilen entstanden Tempel, in denen sie verehrt wurde.

Bis heute gibt es in der Nähe dieser früheren Kultstätten Katzendarstellungen. Eine bekannte Marmorkatze sitzt an einem Gebäude in der Via della Gatta und stammt sehr wahrscheinlich aus diesem Umfeld. So wird die Verbindung zwischen Antike und Gegenwart sichtbar: Wo vor fast 2000 Jahren Isis verehrt wurde, leben heute Katzen als geschützte Stadttiere.

Im Mittelalter: Leben zwischen Ruinen

Nach dem Untergang des Römischen Reiches und mit der Ausbreitung des Christentums änderte sich das Bild der Katze. Man brachte sie zunehmend mit heidnischen Vorstellungen in Verbindung, und vielerorts kam sie in Verruf. Trotzdem ging es den Katzen in Rom besser als in vielen anderen Städten Europas.

Das lag an der besonderen Struktur der Stadt. Große Teile Roms verfielen, antike Bauwerke wurden zu Ruinen, Steinbrüchen oder Müllplätzen. In diesen verwinkelten Ecken fanden Katzen ideale Verstecke. Gleichzeitig litten die Menschen immer wieder unter Rattenplagen und Seuchen, deshalb blieb die Katze als Mäuse- und Rattenfänger unentbehrlich.

So lebten die Tiere im Schatten der zerfallenden Monumente weiter. Aus dem einst verehrten Tier wurde ein geduldeter Mitbewohner, der sich still seinen Platz in der Stadt sicherte.

Romantik: Die Wächter der Ruinen

Im 18. und 19. Jahrhundert änderte sich der Blick erneut. Reisende der Grand Tour und später Schriftsteller beschrieben Rom als romantische Stadt der Ruinen, und zu diesem Bild gehörten auch die Tiere, die zwischen Säulen und Mauerresten lebten.

Katzen, die auf antiken Kapitellen lagen oder sich vor Tempeln in der Sonne streckten, wurden zum festen Bestandteil der typischen Rom-Darstellung. Sie standen für das Weiterleben mitten im Verfall. Dieses Bild prägt unsere Vorstellung von der römischen Katze bis heute.

Als im frühen 20. Jahrhundert große Ausgrabungen begannen, etwa am Largo di Torre Argentina, tauchten die Katzen fast sofort wieder auf. Kaum waren die antiken Mauern freigelegt, zogen sie in die neuen Lebensräume ein. Lange bevor es organisierten Tierschutz gab, hatten sie diese Orte schon für sich erobert.

Roms Gesetze für Katzen

Rom und ganz Italien nehmen weltweit eine Sonderstellung ein, wenn es um den rechtlichen Status von Streunerkatzen geht. In vielen Ländern galt es lange als normal, überzählige Tiere einzufangen und zu töten. Italien ist einen völlig anderen Weg gegangen.

Das nationale Gesetz 281/1991

Der große Wandel kam 1991 mit dem Gesetz Nr. 281 („Legge quadro in materia di animali d'affezione e prevenzione del randagismo“). Es gilt als Meilenstein des italienischen Tierschutzes.

Das Gesetz legt fest, dass streunende Tiere ein Recht auf Leben haben. Hunde und Katzen dürfen nicht getötet werden, außer sie sind unheilbar krank oder stellen nachweislich eine Gefahr dar. Die Population darf nur durch Sterilisation kontrolliert werden.

Außerdem wurde klar geregelt, wer verantwortlich ist: Die jeweilige Gemeinde, vertreten durch den Bürgermeister, ist rechtlich für das Wohlergehen der streunenden Tiere zuständig. Tierschutz wurde damit zur öffentlichen Aufgabe und blieb nicht länger allein dem privaten Engagement überlassen.

Das Regionalgesetz von Latium 34/1997

Die Region Latium hatte schon 1988 ein erstes Regionalgesetz erlassen, das dem nationalen Gesetz vorausging. 1997 ging sie mit dem Gesetz Nr. 34 noch einen Schritt weiter. Es baute den Schutz frei lebender Katzen aus und stellte die Katzenkolonie („colonia felina“) in den Mittelpunkt. Frei lebende Katzen bekamen damit eine rechtlich anerkannte Stellung in ihrem Lebensraum.

Die wichtigsten Punkte:

  • Katzen, die in Freiheit leben, dürfen nicht aus ihrem angestammten Gebiet vertrieben oder umgesiedelt werden. Ausnahmen sind nur bei ernsthaften gesundheitlichen Risiken oder größeren Bauvorhaben möglich und an strenge Auflagen geknüpft.
  • Die örtlichen Gesundheitsbehörden (ASL) müssen die Sterilisation der Koloniekatzen durchführen. Das ist das wichtigste Mittel, um den Bestand tierfreundlich im Griff zu behalten.
  • Frei lebende Katzen für Experimente zu nutzen, ist ausdrücklich verboten.
  • Die freiwilligen Betreuer werden offiziell anerkannt. Sie müssen als Verantwortliche einer Kolonie registriert sein und sind der Ansprechpartner für die Behörden.

Damit war klar: Katzen sind nicht einfach „herrenlos“, sondern gehören zu klar definierten Kolonien, die geschützt werden müssen.

Die Katzen werden zum biokulturellen Erbe

Im Jahr 2001 erklärte die Stadt Rom ihre Katzen offiziell zum „patrimonio bio-culturale“, zum biokulturellen Erbe. Das ist mehr als eine nette Geste.

Die Tiere stehen damit auf einer Ebene mit den historischen Bauwerken, in denen sie leben. Wenn das Kolosseum oder antike Tempel Kulturerbe sind, dann gehören die Katzen als lebendige Bewohner dazu. Sie sind Teil des Stadtbilds, so wie die Gebäude selbst.

So wird Tierschutz direkt mit Denkmalpflege verbunden, und es wird deutlich: Geschichte besteht in Rom nicht nur aus Steinen.

Die städtische Verordnung von 2005

2005 verabschiedete der Stadtrat eine weitere Tierschutzverordnung. Besonders wichtig ist Artikel 40, der die Arbeit der Katzenbetreuer offiziell als „verdienstvolle Tätigkeit“ anerkennt.

Eine Aufgabe, die jahrzehntelang oft belächelt oder als störend empfunden wurde, ist damit zu einem anerkannten Dienst am Gemeinwohl geworden. Die Stadt versprach außerdem, Schulungen anzubieten und die Betreuung der Kolonien organisatorisch zu unterstützen.

Das Ehrenamt wurde dadurch spürbar professioneller. Aus einzelnen Fütterern wurden organisierte Netzwerke, die heute Bestandslisten führen, die medizinische Versorgung organisieren und eng mit Tierärzten zusammenarbeiten.

Insgesamt ist so ein rechtlicher Rahmen entstanden, der weltweit nahezu einzigartig ist: Roms Katzen gelten nicht als Problem, sondern als schützenswerter Teil der Stadtgemeinschaft.

Torre Argentina: Das Zuhause der berühmtesten Katzen Roms

Kein Ort zeigt so gut, wie Antike und Tierschutz zusammenpassen, wie die Area Sacra di Largo Argentina. Mitten im modernen Stadtzentrum liegen hier vier Tempel aus der Zeit der römischen Republik und die Überreste der Kurie des Pompeius, dem Ort, an dem Julius Caesar der Überlieferung nach ermordet wurde. Und genau hier lebt die wohl bekannteste Katzenkolonie der Welt.

Von der Ausgrabung zur Katzenheimat

Nachdem die Tempelanlage 1929 freigelegt worden war, nahmen Streunerkatzen das Gelände schnell in Besitz. Die tiefe Lage schützte vor Straßenverkehr und Lärm. Jahrzehntelang kümmerten sich Menschen aus der Nachbarschaft, die sogenannten Gattare, inoffiziell um die Tiere. Sie brachten Futter, oft unter schwierigen Bedingungen: ohne feste Infrastruktur, ohne Strom, ohne fließendes Wasser und kaum unterstützt von den Behörden.

Die Katzen lebten in antiken Nischen und Mauerritzen. Krankheiten, unkontrollierte Vermehrung und Verletzungen gehörten zum Alltag. Trotzdem entstand hier schon früh eine ganz besondere Verbindung zwischen den Ruinen und ihren tierischen Bewohnern.

Aus Fütterung wird Tierschutz

1993 begann ein neuer Abschnitt. Lia Dequel und Silvia Viviani, eine ehemalige Opernsängerin, halfen zunächst der Schauspielerin Franca Stoppi, die sich bis dahin um die Katzen kümmerte. Daraus entstand das Torre Argentina Cat Sanctuary. Ihr Ansatz war ein ganz anderer als das bloße Füttern: Im Mittelpunkt standen jetzt Sterilisation, medizinische Versorgung und die Vermittlung besonders zutraulicher Katzen in neue Zuhause.

Aus einer improvisierten Versorgung wurde so ein richtiges Tierschutzprojekt. Verletzte oder kranke Tiere wurden behandelt, Jungkatzen sozialisiert und zur Adoption freigegeben.

Lia Dequel starb am 3. Juli 2013, ein schwerer Einschnitt für das Projekt. Sie ruht in ihrer Heimatstadt Triest im Grab ihres Mannes, des Bildhauers Oreste Dequel. Ihr ausdrücklicher Wunsch war, dass auf dem Grab steht, die Katzen sollen kommen und um das Grab spielen, denn sie hätten sie zu Lebzeiten so sehr geliebt. Ihr Vermächtnis lebt bis heute weiter.

Streit zwischen Archäologie und Tierschutz

Lange bewegte sich das Katzensanktuarium in einer rechtlichen Grauzone. Die Versorgungsräume lagen teilweise unter Gehwegen und mitten im archäologischen Areal. 2012 kam es zum offenen Streit mit der Denkmalschutzbehörde, die diese Einrichtungen für illegal hielt und eine Räumung forderte.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Medien auf der ganzen Welt berichteten, tausende Menschen unterschrieben Petitionen. Das Hauptargument der Tierschützer: Die Katzen ziehen Besucher an, halten das Gelände frei von Ratten und gehören als biokulturelles Erbe zu diesem Ort.

Am Ende fand man einen Kompromiss. Das Sanktuarium durfte bleiben, musste sich aber verkleinern und den Vorgaben der Archäologen anpassen. Ein typisch römischer Mittelweg zwischen Geschichte und Gegenwart.

Die Öffnung der Area Sacra

Am 20. Juni 2023 begann ein neues Kapitel. Nach einer umfassenden Restaurierung, die der Luxusjuwelier Bulgari mit rund einer Million Euro bezahlte, wurde die Area Sacra zum ersten Mal für die Öffentlichkeit geöffnet. Neue Stege führen Besucher auf Augenhöhe durch die Tempelreste. Vorher konnte man die Ruinen nur von der Straße aus betrachten.

Bei der Planung hat man darauf geachtet, dass die Katzen weiterhin Rückzugsorte haben. Viele Besucher kommen genau wegen dieser Mischung aus antiker Architektur und frei lebenden Katzen.

Das Sanktuarium leistet enorm viel. Es finanziert sich nach eigenen Angaben ohne öffentliche Gelder aus Spenden und dem Verkauf von Souvenirs. Bis 2012 hatte es nach Medienberichten die Sterilisation von rund 28.000 Katzen finanziert, mehr als zehn Prozent der geschätzten Katzenpopulation der Stadt. Torre Argentina ist also nicht nur ein Touristenmagnet, sondern eine zentrale Anlaufstelle für den Katzenschutz im historischen Zentrum Roms.

Manche Katzen wurden zu kleinen Berühmtheiten, darunter auch Tiere mit Behinderungen, die für gelungene Vermittlungen stehen. Sie zeigen, dass hier nicht nur verwaltet wird, sondern mit Herz und Ausdauer gearbeitet.

Katzen auf Roms Friedhöfen

In Rom sind Friedhöfe traditionell nicht nur Orte des Gedenkens, sondern auch des Lebens. Ruhe, viel Grün und wenig Verkehr machen sie zu idealen Rückzugsorten für Katzen.

Die Kolonie an der Cestius-Pyramide

Direkt neben der Cestius-Pyramide liegt der nichtkatholische Friedhof, auch Cimitero Acattolico genannt. Hier ruhen viele ausländische Persönlichkeiten, Dichter und Denker. Zwischen Grabsteinen, Zypressen und alten Mauern hat sich über die Jahre eine stabile Katzenkolonie entwickelt.

Stille Begleiter zwischen den Gräbern

Die Stimmung hier ist ganz anders als am lebhaften Largo Argentina. Es ist ruhig, fast ein bisschen melancholisch. Die Katzen bewegen sich leise zwischen den Gräbern, liegen in der Sonne oder beobachten die Besucher aus dem Schatten.

Viele empfinden sie hier als eine Art stille Wächter. Sie gehören zum Gesamtbild des Friedhofs und geben ihm etwas Zeitloses. Ein bekannter Kater dieser Kolonie war „Romeo“, der über Jahre wie ein inoffizieller Empfangschef wirkte und für viele Besucher untrennbar mit dem Ort verbunden war.

Wer sich kümmert

Die Versorgung der Katzen übernehmen engagierte Freiwillige. Sie kümmern sich regelmäßig um Futter, Sauberkeit, medizinische Kontrollen und Sterilisationen. Dabei geht es nicht nur um praktische Hilfe, sondern auch um Vermittlung, wenn eine Katze zutraulich genug für ein neues Zuhause ist.

Dazu kommen kulturelle Veranstaltungen, bei denen Geschichte, Kunst und Katzenschutz zusammenfinden, zum Beispiel geführte Rundgänge, kleine Ausstellungen und Adoptionsaktionen.

So verbinden sich Kulturpflege und Tierschutz, und der Friedhof wird zu einem schönen Beispiel dafür, wie Mensch, Geschichte und Tier zusammenleben können.

Die große Kolonie im Monumentalfriedhof Verano

Der Cimitero Monumentale del Verano ist der Hauptfriedhof Roms und riesig. Mit seinen Wegen, Kapellen und Grabfeldern wirkt er wie eine kleine Stadt für sich. Auf diesem weitläufigen Gelände lebt eine der größten Katzenpopulationen Roms.

Eine tägliche Mammutaufgabe

Mehrere hundert Katzen verteilen sich auf zahlreiche Futterstellen. Sie zu versorgen, ist jeden Tag eine organisatorische Leistung. Die Freiwilligen legen weite Strecken zurück, teils zu Fuß, teils mit dem Auto, um alle Plätze zu erreichen.

Die Gefahren sind hier andere als an archäologischen Stätten. Durch den Verkehr auf dem Gelände kommt es immer wieder zu Unfällen. Außerdem tauchen regelmäßig ausgesetzte Hauskatzen auf, weil Menschen hoffen, ihre Tiere seien auf dem Friedhof gut aufgehoben.

Das bedeutet zusätzlichen Aufwand: Neue Tiere müssen eingefangen, untersucht, sterilisiert und in die bestehende Gruppe eingegliedert werden.

Kontrolle statt Wildwuchs

Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung der Population trotz flächendeckender Sterilisation. In bestimmten geschützten Bereichen sind alle bekannten Tiere kastriert, und trotzdem wächst die Gesamtzahl weiter.

Der Grund ist nicht der Nachwuchs innerhalb der Kolonie, sondern der ständige Zustrom ausgesetzter Katzen. Die Freiwilligen nehmen sie auf, versorgen sie und lassen auch sie sterilisieren.

Man sieht daran sehr deutlich: Die größte Herausforderung ist nicht die natürliche Vermehrung, sondern das Fehlverhalten der Menschen.

Trotzdem gelingt es durch konsequente Betreuung, medizinische Versorgung und Sterilisation, stabile Verhältnisse zu halten. Der Verano zeigt eindrucksvoll, dass nachhaltiger Katzenschutz auch in einem großen städtischen Raum funktioniert, wenn Engagement und gesetzliche Rahmenbedingungen zusammenspielen.

Die Marmorkatze der Via della Gatta

Neben den großen Kolonien gibt es in Rom einzelne Orte und Geschichten, die fest im Gedächtnis der Stadt verankert sind. Eine der bekanntesten Legenden dreht sich um die „Gatta“ am Palazzo Grazioli.

Der Palazzo Grazioli liegt an der Via della Gatta. An der Hausecke sitzt auf einem Sims eine kleine Marmorkatze, die viele Passanten zunächst übersehen. Archäologisch gilt es als sehr wahrscheinlich, dass die Figur ursprünglich aus dem nahegelegenen Tempelbezirk der Isis stammt, in dem die ägyptische Göttin verehrt wurde.

Wie so oft in Rom hat sich um dieses stille Relikt eine eigene Volksüberlieferung entwickelt, und es gibt mehrere Versionen.

In einer Erzählung rettete eine Katze einem Kleinkind das Leben. Das Kind balancierte gefährlich auf einem Sims, und erst das laute Miauen der Katze machte die Mutter aufmerksam. Aus Dankbarkeit soll die Statue angebracht worden sein.

Eine andere Legende erzählt von einem verborgenen Schatz. Der Blick der Marmorkatze soll auf den Ort zeigen, an dem er versteckt liegt. Seit Generationen versuchen Menschen, die Blickrichtung genau zu deuten, bis heute ohne Erfolg. Manche sagen sogar, die Katze schaue absichtlich vom Schatz weg, um ihn zu schützen.

In einer weiteren Variante warnte die Katze die Bewohner des Hauses vor einem Brand und rettete so das Gebäude.

Egal, welche Geschichte man glaubt: Sie zeigen, welchen Platz Katzen im römischen Alltag haben. Sie erscheinen nicht nur als Tiere, sondern als Beschützer, Glücksbringer und stille Begleiter des Lebens.

Diese Mythen gehören zur Stadtgeschichte. Sie machen deutlich, dass Katzen in Rom nicht als Randerscheinung wahrgenommen werden, sondern als Wesen mit eigener Bedeutung, eingebettet in Häuser, Straßen und Erinnerungen.

Die Gattare: Menschen, die sich kümmern

Ein Bericht über Roms Katzen wäre unvollständig ohne die Menschen, die sich täglich um sie kümmern. Der Begriff „Gattara“, wörtlich Katzenfrau, ist im Italienischen fest verankert und hat eine lange Geschichte.

Vom Klischee zur Wirklichkeit

Lange war die Gattara ein Klischee. Man stellte sie sich als ältere, alleinstehende Frau vor, die mit Plastiktüten voller Essensreste durch die Straßen zog und Katzen fütterte. Filme und Geschichten haben dieses Bild noch verstärkt. Die berühmte Schauspielerin Anna Magnani, die in der Nähe des Largo Argentina wohnte, galt als eine der bekanntesten Gattare der Stadt. Sie soll Töpfe mit Nudeln zu den Katzen von Torre Argentina gebracht haben.

Dieses Bild war allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Hinter dem einfachen Füttern steckten schon damals viel Hingabe, Zeit und persönlicher Einsatz.

Die moderne Gattara

Heute sieht das ganz anders aus. Die meisten Katzenbetreuer sind Mitglied in registrierten Tierschutzorganisationen. Neben Frauen engagieren sich inzwischen auch viele Männer und jüngere Menschen. Die Arbeit ist körperlich anstrengend: Futter muss geschleppt, Tiere müssen eingefangen und versorgt werden. Dazu braucht man Organisationstalent, Geduld und Durchhaltevermögen.

Die Aufgaben gehen weit über das Füttern hinaus. Dazu gehören:

  • die Katzenbestände zu erfassen
  • Sterilisationen zu organisieren
  • verletzte Tiere erstzuversorgen
  • Katzen in neue Zuhause zu vermitteln
  • mit den Behörden zu kommunizieren
  • Spenden zu sammeln
  • und oft auch Internetseiten für Adoptionen zu pflegen

Medizinische Probleme oder auffälliges Verhalten sollten dabei immer durch einen Tierarzt abgeklärt werden. Das gilt für alle Kolonien und alle Betreuer, ob am Largo Argentina, auf den Friedhöfen oder anderswo in der Stadt.

Viele Freiwillige erzählen, dass ihnen diese Arbeit Struktur und Sinn im Alltag gibt. Sie fühlen sich gebraucht und erleben Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Aus einzelnen Helfern sind stabile Netzwerke geworden, die einen Großteil des städtischen Katzenschutzes tragen.

Die Stadt Rom unterstützt das inzwischen offiziell, unter anderem mit speziellen Ausweisen für registrierte Betreuer und gelegentlichen Futterzuteilungen. Auch wenn die Bürokratie nicht immer reibungslos läuft, ist die Rolle der Gattare heute anerkannt. Was früher belächelt wurde, gilt inzwischen als wichtiger Beitrag zum Zusammenleben von Mensch und Tier in der Stadt.

Die Katze als Botschafterin Roms

Lange galten Roms Straßenkatzen eher als Randerscheinung oder sogar als Hygieneproblem. Das hat sich deutlich geändert. Heute gehören sie für viele Besucher fest zum Stadterlebnis.

Immer mehr Menschen kommen nicht nur wegen der antiken Bauwerke, sondern auch wegen der Katzen in den Ruinen. Vor allem Orte wie der Largo Argentina ziehen täglich viele Gäste an, die gezielt nach den tierischen Bewohnern Ausschau halten. Viele hinterlassen Spenden oder kaufen kleine Souvenirs, deren Erlös direkt in den Katzenschutz fließt.

Rund um die römischen Katzen ist sogar ein kleiner eigener Wirtschaftszweig entstanden. Beliebt sind Kalender, Bücher, Postkarten und andere Artikel mit Katzen vor historischen Kulissen. Die Einnahmen kommen häufig den Tierschutzorganisationen zugute.

Auch in den Medien haben Roms Katzen ihren Platz gefunden. Filme, Reportagen und Dokumentationen haben ihr Bild in die ganze Welt getragen, und so gelten sie heute als sympathisches Markenzeichen der Stadt.

Dazu kommen örtliche Veranstaltungen, bei denen sich Katzenschutz und Öffentlichkeit begegnen. Tage der offenen Tür, Führungen durch Katzenkolonien oder kleine Feste schaffen Aufmerksamkeit und stärken den Zusammenhalt zwischen Freiwilligen, Anwohnern und Besuchern.

All das zeigt: Die Katzen sind längst mehr als nur Mitbewohner der Stadt. Sie tragen messbar zum guten Image Roms bei. Sie machen die oft überwältigende Geschichte greifbarer und geben der Stadt eine warme, menschliche Seite.

Für viele Reisende gehört die Begegnung mit den Katzen inzwischen genauso zu Rom wie das Kolosseum oder die Piazza Navona.

Was Roms Katzen heute zu schaffen macht

Bei all den Erfolgen steht das römische Katzenschutzmodell trotzdem vor dauerhaften Herausforderungen.

Ein großes Problem ist das knappe Geld. Die meisten Kolonien sind auf private Spenden angewiesen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gehen diese Einnahmen zurück, während gleichzeitig mehr Katzen ausgesetzt werden. Die Helfer kommen dadurch schnell an ihre Belastungsgrenze.

Auch die Bürokratie macht die Arbeit schwer. Sterilisationstermine über die zuständigen Behörden sind nicht immer kurzfristig zu bekommen. Lange Wartezeiten erhöhen das Risiko ungewollter Würfe und machen die Bestandsverwaltung komplizierter.

Hinzu kommt die fortschreitende Sanierung vieler Stadtviertel. Renovierungen und archäologische Projekte nehmen den Katzen oft ihre geschützten Rückzugsorte. Nicht überall gelingt der Ausgleich zwischen Bauvorhaben und Tierschutz so gut wie am Largo Argentina.

Ein weiteres großes Thema ist das Aussetzen von Hauskatzen. Immer wieder tauchen neue Tiere in bestehenden Kolonien auf. Diese Katzen sind oft nicht sterilisiert, manchmal krank oder verängstigt. Sie müssen eingefangen, untersucht und versorgt werden.

Trotz aller Schwierigkeiten bleibt der Gesamteindruck positiv. Klare Gesetze, engagierte Freiwillige und eine wachsende Akzeptanz in der Gesellschaft haben in Rom ein Modell entstehen lassen, das international als Vorbild gilt. Es zeigt, dass Mensch und Tier auch in einer Millionenstadt respektvoll zusammenleben können.

Fazit: Mitbewohner einer besonderen Stadt

Die Katzen Roms sind ein einzigartiges Beispiel dafür, wie Zusammenleben in der Stadt funktionieren kann. Seit Jahrhunderten passen sie sich den wechselnden Zeiten an, von antiken Tempelbezirken über mittelalterliche Ruinen bis zu den belebten Straßen von heute.

Mit den Gesetzen der 1990er Jahre und der späteren Anerkennung als biokulturelles Erbe hat Rom einen besonderen Weg eingeschlagen. Katzen gelten hier nicht als Störfaktor, sondern als Teil der Stadtgemeinschaft. Sie werden als Mitbewohner akzeptiert, die ihren eigenen Platz in der Ewigen Stadt haben.

Für Besucher kommt dadurch eine zusätzliche Ebene dazu. Rom lässt sich nicht nur über Bauwerke und Museen entdecken, sondern auch über die Begegnung mit seinen tierischen Bewohnern. Ob an antiken Tempeln, auf Friedhöfen oder in ruhigen Innenhöfen: Überall erinnern die Katzen daran, dass Geschichte hier nicht abgeschlossen ist, sondern weiterlebt.

Entscheidend für dieses Zusammenleben ist das Engagement der vielen freiwilligen Helfer. Sie versorgen die Kolonien, organisieren Sterilisationen, kümmern sich um kranke Tiere und vermitteln Katzen in neue Zuhause. Ohne ihren täglichen Einsatz würde das Ganze nicht funktionieren.

Roms Katzen stehen heute für einen respektvollen Umgang mit Tieren mitten in der Stadt. Sie zeigen, dass eine Stadt nicht nur aus Stein und Menschen besteht, sondern auch aus Lebewesen, die ihren eigenen Rhythmus haben.

Wer Rom wirklich verstehen möchte, sollte auch auf sie achten. Denn in dieser Stadt gehören die Katzen nicht einfach dazu, sie sind ein Stück ihrer Seele.


Katzen zwischen römischen Ruinen


04 Oktober 2026

Kräutergarten für Katzenhalter: Welche Küchenkräuter auf Fensterbank und Balkon sicher sind

Frisches Basilikum für die Pasta, Schnittlauch aufs Rührei, ein Töpfchen Minze für den Tee: Kräuter vom eigenen Fensterbrett schmecken einfach besser. Nur ist die Katze meistens schneller am Topf als man selbst. Sie schnuppert, zupft ein Blatt ab, kaut darauf herum, und spätestens dann fragt man sich: War das jetzt harmlos?

Die gute Nachricht: Eine ganze Reihe beliebter Küchenkräuter ist für Katzen völlig unproblematisch. Die weniger gute: Ein paar davon können ernsthaft gefährlich werden, und ausgerechnet der Schnittlauch gehört dazu. Hier steht, was auf die Fensterbank und den Balkon darf, was mit Vorsicht zu behandeln ist und was besser gar nicht erst einzieht.

Das Wichtigste vorab

  • Unbedenklich: Basilikum, Rosmarin, Thymian, Salbei, Dill, Koriander, Zitronenmelisse, Fenchel, Sommer-Bohnenkraut und Kapuzinerkresse.
  • Mit Vorsicht: Minze, Oregano, Majoran, Estragon, Petersilie, Liebstöckel, Lavendel und Katzenminze. Meist gibt es nur Erbrechen oder Durchfall, vor allem bei größeren Mengen.
  • Meiden: Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebeln, Lauch und Bärlauch. Sie zerstören rote Blutkörperchen, und die Blutarmut zeigt sich oft erst nach Tagen.
  • Ätherische Öle sind für Katzen eine eigene Gefahrenklasse, auch von Kräutern, die als Pflanze harmlos sind.

Wie du "giftig" und "ungiftig" richtig liest

Als Grundlage dient meist die Pflanzenliste der ASPCA, des amerikanischen Tierschutzverbands mit eigener Giftnotruf-Zentrale für Tiere. Die Liste kennt aber nur "giftig" und "ungiftig". Unter "giftig" landet dort Knoblauch, der eine lebensgefährliche Blutarmut auslösen kann, genauso wie Oregano, bei dem es laut ASPCA nur um leichtes Erbrechen und Durchfall geht. Das ist ein riesiger Unterschied. Deshalb ist dieser Beitrag danach sortiert, was tatsächlich passieren kann.

Umgekehrt heißt "ungiftig" nicht "Katzenfutter". Die ASPCA weist selbst darauf hin, dass jedes Pflanzenmaterial bei Hunden und Katzen Erbrechen und Magen-Darm-Beschwerden auslösen kann. Eine Katze, die einen halben Basilikumtopf abräumt, spuckt also vielleicht. Gefährlich ist das aber nicht.

Unbedenklich: Diese Kräuter dürfen in Katzenhöhe stehen

Diese Kräuter führt die ASPCA als ungiftig für Katzen. Wenn deine Katze mal daran knabbert, passiert höchstens eine leichte Magenverstimmung.

  • Basilikum: Der Klassiker für die helle, warme Fensterbank. Keine bekannten Giftstoffe, und den starken Geruch mögen viele Katzen ohnehin nicht so sehr.
  • Rosmarin: Ungiftig für Katzen, und den intensiven Geruch meiden viele von selbst.
  • Thymian: Die Pflanze ist unproblematisch. Das Thymianöl ist es nicht, dazu weiter unten mehr.
  • Salbei: Als Pflanze ungiftig. Salbeiöl kann dagegen laut Merck Veterinary Manual Krampfanfälle auslösen.
  • Dill: Ungiftig. Die ASPCA nennt eine mögliche Hautreizung bei längerem Hautkontakt, das Knabbern selbst ist unproblematisch.
  • Koriander: Ungiftig, und das markante Aroma schreckt viele Katzen ohnehin ab.
  • Zitronenmelisse: Ungiftig. Den Zitrusduft mögen viele Katzen nicht, sie bleibt deshalb meist unberührt.
  • Fenchel: Ungiftig. Er wird allerdings groß und braucht einen tiefen, standfesten Topf.
  • Sommer-Bohnenkraut: Ungiftig. Ein würziger Ersatz für Oregano und Majoran.
  • Kapuzinerkresse: Ungiftig, die ASPCA kennt keine dokumentierten Vergiftungen. Die Blüten kannst du auch selbst essen.

Achtung bei der Kresse: Die Kapuzinerkresse ist ungiftig, die Brunnenkresse steht dagegen auf der Giftliste (leichtes Erbrechen und Durchfall). Schau also beim Kauf auf den Namen.

Mit Vorsicht: Meist nur ein empfindlicher Magen

Bei diesen Kräutern führt die ASPCA vor allem Magen-Darm-Beschwerden auf, besonders wenn die Katze größere Mengen frisst. Stell sie am besten erhöht oder abgetrennt auf.

  • Minze (alle Mentha-Arten): Ätherische Öle, Erbrechen und Durchfall bei größeren Mengen.
  • Oregano, Majoran: Magen-Darm-reizende Stoffe, Erbrechen und Durchfall.
  • Estragon: Ätherische Öle, leichtes Erbrechen und Durchfall.
  • Lavendel: Die ASPCA nennt Linalool und Linalylacetat, die Hauptduftstoffe, als Auslöser. Folgen sind Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit.
  • Liebstöckel (Maggikraut): Die ätherischen Öle wirken harntreibend, die Katze muss dann häufiger Wasser lassen.
  • Petersilie: Hier sind sich die Quellen nicht einig. Die ASPCA führt sie als giftig wegen sogenannter Furanocumarine. Das sind Pflanzenstoffe, die die Haut unter Sonnenlicht empfindlich machen und zu sonnenbrandähnlichen Entzündungen führen können, laut ASPCA aber nur bei großen Mengen. Deutsche Ratgeber wie die ARAG nennen sie leicht giftig und in größeren Mengen harntreibend, gelegentliches Knabbern sei in der Regel ungefährlich. Andere Seiten erklären sie dagegen zum gesunden Katzenkraut. Ein angeknabberter Zweig ist kein Notfall. Ein Dauersnack sollte sie aber nicht werden, und ein großer Topf in Katzenhöhe ist keine gute Idee.
  • Katzenminze: Die ASPCA führt sie als giftig für Katzen, gemeint sind Erbrechen und Durchfall bei großen Mengen. Manche Katzen werden danach schläfrig, andere aufgedreht. Als kleines Spielzeug oder ab und zu ein Zweig ist sie völlig in Ordnung, einen ganzen Topf zum Abweiden solltest du nicht hinstellen.

Auch Kümmel, Borretsch, Zitronengras, Lorbeer, Kamille und Sauerampfer stehen bei der ASPCA auf der Liste der giftigen Pflanzen. Auch hier geht es meist um Magen-Darm-Beschwerden, bei Borretsch zusätzlich um Hautreizungen.

Zum Oregano findest du im Netz teils dramatische Warnungen, etwa vor "irreversiblen Leberschäden". Die ASPCA nennt für die Pflanze selbst nur leichtes Erbrechen und Durchfall. Andere Portale schreiben, eine Katze, die frischen oder getrockneten Oregano gefressen hat, erhole sich in aller Regel schnell und ohne bleibende Folgen. Die drastischen Warnungen beziehen sich, wenn überhaupt, auf Oreganoöl. Stell den Topf also nicht direkt neben den Kratzbaum, aber du musst auch nicht in Panik verfallen, wenn die Katze mal dran war.

Meiden: Zwiebelgewächse

Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebel, Frühlingszwiebel, Lauch und Bärlauch haben bei Katzen nichts verloren. Sie enthalten Schwefelverbindungen, die beim Kauen frei werden. Diese schädigen den roten Blutfarbstoff und die Zellwände der roten Blutkörperchen. Die Zellen gehen kaputt, und es entsteht eine Blutarmut, im Fachbegriff eine hämolytische Anämie. Das Merck Veterinary Manual beschreibt Katzen als die empfindlichste Tierart überhaupt, noch vor Hunden.

Vergiftungen wurden schon bei weniger als einem Teelöffel gekochter Zwiebel beschrieben, als Richtwert gelten etwa 5 Gramm rohe Zwiebel pro Kilo Körpergewicht. Bei einer 4-Kilo-Katze sind das nur 20 Gramm. Knoblauch ist laut Merck drei- bis fünfmal giftiger als Zwiebel. Aus der Zwiebel-Angabe lässt sich deshalb keine "sichere Knoblauchmenge" ableiten.

Das Gemeine daran: Die Schäden im Blut beginnen innerhalb von 24 Stunden, aber die Katze wirkt oft noch ganz normal. Sichtbare Anzeichen zeigen sich häufig erst nach drei bis fünf Tagen. Achte dann auf blasse oder gelbliche Schleimhäute, Schwäche, Appetitlosigkeit, schnelle Atmung und rötlich-braunen Urin. Hat deine Katze nachweislich Schnittlauch oder Knoblauch gefressen, warte nicht auf Symptome, sondern fahr gleich zum Tierarzt.

Auch kleine Mengen können sich summieren. In einer Studie bekamen Katzen fünf Wochen lang Futter mit 0,3 Prozent Zwiebelpulver. Schon ab dem siebten Tag zeigten sich deutliche Veränderungen im Blutbild. Ein bisschen Zwiebel ab und zu ist für Katzen also nicht harmlos.

Fair ist auch: Frischer Schnittlauch ist das mildeste Zwiebelgewächs. CliniTox, die Giftpflanzen-Datenbank der Vetsuisse-Fakultät Zürich, stuft ihn als "schwach giftig" ein, Knoblauch und Zwiebel als "stark giftig". Trotzdem gehört er nicht auf eine Fensterbank, an die deine Katze kommt. Katzen verwechseln die grünen Halme gern mit Katzengras, und kleine Mengen summieren sich eben.

Kochen oder Trocknen macht Zwiebel und Knoblauch übrigens nicht harmlos. Laut Merck stehen Vergiftungen bei Katzen und Hunden sogar am häufigsten mit konzentrierten Formen in Verbindung, etwa getrockneten Flocken, Pulver oder Zwiebelsuppen-Mischungen.

Frisch, getrocknet, ätherisches Öl: Hier liegt der große Unterschied

Frische Kräuter enthalten ihre Wirkstoffe in vergleichsweise geringer Konzentration, eine Katze müsste viel fressen, um Probleme zu bekommen. Ätherische Öle sind dagegen hochkonzentrierte Extrakte und eine eigene Gefahrenklasse.

Der Grund liegt in der Leber: Katzen fehlt weitgehend ein Entgiftungsweg, die sogenannte Glucuronidierung. Andere Säugetiere bauen damit Stoffe wie Phenole und Terpene zügig ab, bei Katzen reichern sie sich an. Die Tierklinik-Gruppe AniCura schreibt, dass Teebaumöl, aber auch Öle aus Thymian, Oregano oder Zimt wegen ihres Phenolgehalts schon in verhältnismäßig geringen Mengen giftig sind. Mögliche Folgen sind Taumeln, Zittern, Unruhe und Speicheln, bei starker Belastung auch Krampfanfälle sowie Leber- und Nierenschäden. Die Symptome können innerhalb von Minuten bis Stunden beginnen. Rechtzeitig behandelt, erholen sich die Tiere laut AniCura meist innerhalb von zwei bis drei Tagen.

Dazu kommt das Putzverhalten: Öl, das auf Pfoten oder Fell gelangt, nimmt die Katze beim Putzen auf. Auch Diffusoren sind deshalb nicht risikofrei, denn feine Öltröpfchen können sich auf dem Fell ablagern.

Thymian zeigt den Unterschied besonders deutlich: Die Pflanze ist laut ASPCA ungiftig, das Öl daraus ist für Katzen giftig. Duftlampen, Diffuser und selbstgemachte "natürliche" Flohmittel mit ätherischen Ölen haben im Katzenhaushalt deshalb nichts verloren, egal wie harmlos das Kraut dahinter ist. Bei Lavendel gilt das genauso, im Öl sind die Duftstoffe viel stärker konzentriert als in der Pflanze. Nutze auch keine ätherischen Öle als "Katzenabwehr" an den Töpfen. Das vermeintliche Schutzmittel kann gefährlicher sein als die Pflanze selbst.

Die Fensterbank sicher planen

  • Katzenhöhe nur für ungiftige Kräuter. Basilikum, Rosmarin, Thymian, Salbei, Dill, Koriander und Zitronenmelisse kannst du dort ohne schlechtes Gewissen stehen lassen.
  • Kräuter mit Vorsicht erhöht oder abgetrennt aufstellen. Ein geschlossenes Regal oder ein Mini-Gewächshaus mit Tür aus Glas oder Plexiglas hält besser als ein bloß höherer Platz, denn Katzen kommen fast überall hin, wenn sie wollen. Hängeampeln funktionieren nur, wenn daneben kein Möbelstück als Absprungplatz dient und keine Blätter in den Katzenbereich fallen. Bei Minze oder Oregano wäre ein Missgeschick aber ohnehin kein Drama.
  • Zwiebelgewächse am besten gar nicht in die Wohnung. Wenn du auf Schnittlauch nicht verzichten willst, dann nur an einem Ort, den die Katze wirklich nicht erreicht, zum Beispiel auf einem Balkon, den sie nicht betritt. Oder du kaufst ihn frisch und verbrauchst ihn sofort.
  • Küchenabfälle mitdenken. Zwiebel- und Knoblauchschalen, Reste von Kräuterbutter oder Tsatsiki sind oft verlockender als die Pflanze selbst.

Kräuter richtig pflegen

Ein gesunder Kräutertopf wird weniger zum Opfer: Die meisten Küchenkräuter kommen mit Töpfen gut zurecht, brauchen aber lockeres, gut durchlässiges Substrat und Abzugslöcher. Dauerhaft nasse Wurzeln mögen sie nicht, besonders die mediterranen Arten.

  • Rosmarin, Thymian, Salbei, Bohnenkraut: viel Sonne, magere und durchlässige Erde (mit Sand oder Blähton gemischt), eher sparsam gießen.
  • Basilikum: wärmebedürftig und frostempfindlich. Er steht am besten sehr hell auf der Fensterbank und kommt erst nach draußen, wenn die Nächte zuverlässig über etwa 10 Grad warm sind.
  • Koriander, Dill, Petersilie: gleichmäßig feucht, aber nicht nass.
  • Minze und Zitronenmelisse: breiten sich stark aus und gehören in einen eigenen Topf, sonst verdrängen sie ihre Nachbarn.

Katzengras als Ablenkung

Viele Katzen knabbern an Pflanzen, weil sie einfach Grün kauen wollen. Ein eigener Topf Katzengras lenkt sie von deinen Kräutern ab. Geeignet sind weiche Süßgräser wie Weizen, Gerste, Hafer oder Roggen, die du selbst aussäen kannst. Vom oft verkauften Zyperngras raten Fachhändler wie Fressnapf und der Saatguthersteller Kiepenkerl ab: Es ist sehr scharfkantig und kann Verletzungen im Maul und im Hals verursachen. Katzengras solltest du nie düngen oder mit Pflanzenschutzmitteln behandeln.

Erde, Dünger und Schneckenkorn

  • Organisch düngen. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinland-Pfalz schreibt, dass Mineraldünger bei Tieren zu Vergiftungen führen kann, wenn sie ihn fressen oder Wasser aus Untersetzern frisch gedüngter Pflanzen trinken. Organische Dünger gelten als unbedenklich, mit Ausnahme von Rizinusschrot, der ist giftig. Manche Dünger enthalten zusätzlich Insektizide. Düngersäcke gehören weggeschlossen.
  • Untersetzer leeren. Wie gefährlich das Wasser wirklich ist, darüber sind sich die Quellen uneinig. Das DLR warnt davor, die Giftzentrale der ASPCA hält nennenswerte Symptome für unwahrscheinlich. Wenn du die Untersetzer einfach ausleerst, hat sich das Thema erledigt.
  • Kein Schneckenkorn mit Metaldehyd. Laut MSD Veterinary Manual zeigen vergiftete Katzen unter anderem Bewegungsstörungen, Atemnot, Überhitzung, Muskelkrämpfe, starkes Speicheln und Zittern. Die Erholung dauert bei Katzen etwa zwei Wochen. Schneckenkorn mit Eisen-III-phosphat gilt als deutlich weniger gefährlich, gehört aber trotzdem nicht offen in Katzenreichweite.
  • Keine chemischen Schädlingsmittel, solange die Katze auf dem Balkon ist.

Den Balkon sichern

Ein Kräuterbalkon lockt Katzen nach draußen, und das größte Risiko ist dort meist nicht das Basilikum, sondern der Sturz. Die Veterinärmedizinische Universität Wien versorgt nach eigenen Angaben rund 80 Katzen pro Jahr nach einem Fenstersturz. Laut ihrer Infografik von 2024 haben bis zu 90 Prozent der gestürzten Katzen Verletzungen im Brustkorb, bis zu 66 Prozent im Gesicht, und etwa die Hälfte hat Knochenbrüche an Beinen oder Becken. Selbst wenn die Katze nach dem Sturz zunächst stabil wirkt, können innerhalb von 48 Stunden schwere Atemprobleme und bis zu 72 Stunden danach neurologische Symptome auftreten. Nach einem Sturz also immer zum Tierarzt.

  • Katzennetz oder Volierendraht verwenden. Ein Fliegengitter allein ist keine ausreichende Absturzsicherung.
  • Das Netz oben und unten befestigen, damit die Katze weder darüber noch darunter durchkommt.
  • Kippfenster sichern. Katzen können im Kippspalt steckenbleiben, ein lebensbedrohlicher Notfall, den Tierärzte "Kippfenstersyndrom" nennen. Dafür gibt es spezielle Schutzgitter.
  • Pflanzkästen nicht direkt an der Brüstung aufstellen, hohe Kästen sind eine Einladung zum Klettern.

Küche ohne Risiko: Ersatz für problematische Kräuter

Du musst nicht auf Geschmack verzichten. Das hilft in der Küche weiter:

  • Statt Petersilie: Koriander oder Fenchelgrün für frische grüne Akzente.
  • Statt Oregano oder Majoran: Thymian, Bohnenkraut oder Salbei für herzhafte, mediterrane Gerichte.
  • Statt Estragon oder Minze: Basilikum, auch zitronig aromatische Sorten.
  • Statt Kümmel: Fenchel.
  • Statt Borretsch: Kapuzinerkresse.
  • Statt Schnittlauch, Knoblauch oder Zwiebel: Bohnenkraut, Basilikum, Koriander oder Dill für zusätzliche Würze. Ein echtes katzensicheres Zwiebel-Ersatzkraut gibt es leider nicht.

Verdacht auf Vergiftung: Das tust du

  • Ruhe bewahren und die Katze von der Pflanze trennen. Reste aus dem Maul entfernen, wenn das gefahrlos geht.
  • Sofort Tierarztpraxis oder Tierklinik anrufen, am besten schon vor der Fahrt, damit sie vorbereitet sind.
  • Kein Erbrechen auslösen, schon gar nicht mit Salzwasser. Das ist für Tiere genauso gefährlich wie für Kinder, weil eine Kochsalzvergiftung droht. Auch Wasserstoffperoxid ist bei Katzen ungeeignet. Gib keine "Hausmittel" wie Milch oder Öl.
  • Pflanze, Pflanzenreste oder ein Foto mitnehmen, bei Dünger oder Schneckenkorn die Packung. Merk dir ungefähr, wann und wie viel die Katze gefressen hat, und wie schwer sie ist.
  • Bei Zwiebelgewächsen auch ohne Symptome zum Tierarzt, denn die Blutarmut kommt zeitversetzt.

Einen eigenen Giftnotruf für Haustiere gibt es in Deutschland nicht. Die Giftinformationszentren für Menschen werden aber auch bei Tiervergiftungen angefragt. Der Giftnotruf Erfurt berät bei Tieren nach seinen Möglichkeiten, das Zentrum in Mainz verweist dagegen direkt an Tierarzt oder Tierklinik. Die Nummern helfen also bei einer ersten Einschätzung, ersetzen aber nicht den Tierarzt:

  • Berlin: 030 19240
  • Bonn: 0228 19240
  • Freiburg: 0761 19240
  • Göttingen (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein): 0551 19240
  • Mainz: 06131 19240
  • München: 089 19240
  • Erfurt: 0361 730730
  • Schweiz (Tox Info Suisse): 145
  • Österreich (Vergiftungsinformationszentrale Wien): +43 1 406 43 43

Speichere dir die Nummer deiner Tierarztpraxis und der nächsten Tierklinik mit Notdienst am besten schon vorher im Handy ab.

Gut zu wissen

Die ASPCA-Liste ist die beste verfügbare Übersicht, aber kein Gesetzbuch. Sie stammt aus den USA, deckt nicht jedes Kraut ab und unterscheidet nicht nach Schweregrad. Die Einstufungen wurden deshalb mit CliniTox (Universität Zürich), dem Merck Veterinary Manual und deutschen Tierarztquellen abgeglichen. Deutsche Ratgeber widersprechen sich teilweise: Manche nennen Lavendel "unschädlich", Petersilie "gesund" oder Oregano "lebensgefährlich". Übertreibungen gibt es in beide Richtungen.

Für Kräuter wie Minze oder Oregano gibt es keine bekannte Menge, ab der es kritisch wird. Und jede Katze ist anders: Kitten, alte Katzen und Katzen mit Vorerkrankungen an Nieren oder Leber können empfindlicher reagieren. Im Zweifel lieber einmal zu oft beim Tierarzt anrufen.

Quellen: ASPCA Toxic and Non-Toxic Plants (aspca.org), CliniTox/Vetpharm Universität Zürich, Merck Veterinary Manual, Veterinärmedizinische Universität Wien, Royal Horticultural Society.