26 September 2026

Schiffskatzen: Geschichte, Legenden und ihre Rolle auf See

Schiffskatzen: Geschichte, Legenden und ihre Rolle auf See

Über Jahrhunderte gehörten Katzen zur Standardausstattung eines Segelschiffs, fast so selbstverständlich wie Taue und Segel. Was als reine Zweckmäßigkeit begann, wurde bald zu einer Mischung aus Aberglauben, Kameradschaft und echter Heldengeschichte, mit einigen wirklich verbürgten Schicksalen und mindestens einer berühmten Legende, die sich bei genauerem Hinsehen in Luft auflöst.

Warum Katzen überhaupt an Bord kamen

Der Grund war zunächst rein praktisch. Auf Holzschiffen lagerten große Mengen Getreide, Zwieback und Pökelfleisch, dazu kilometerweise Tauwerk, ein Paradies für Ratten und Mäuse. Die Nagetiere zerfraßen nicht nur Vorräte und Taue, sie galten auch als Überträger von Krankheiten wie der Pest. Katzen erwiesen sich als zuverlässige biologische Schädlingsbekämpfer und wurden deshalb gezielt mitgenommen.

Diese praktische Funktion war sogar juristisch verankert, und das gleich in zwei europäischen Rechtstraditionen. Ein Gesetz des englischen Königs Eduard I. aus dem Jahr 1275 legte fest, dass ein havariertes Schiff nicht als "Wrack" galt, solange ein Lebewesen an Bord überlebte, ausdrücklich genannt werden Mensch, Hund oder Katze, was zeigt, wie selbstverständlich Katzen damals schon zur Bordbesatzung zählten. Das mittelalterliche Seerecht Consolato del Mare, eine im Mittelmeerraum verbreitete Sammlung von Rechtsbräuchen aus dem späten 15. Jahrhundert, ging noch weiter: Ein Kapitän haftete, wenn Ratten die Ladung fraßen, es sei denn, er hatte eine Katze an Bord. Damit war die Bordkatze quasi eine Art Versicherung gegen Regressansprüche.

Wie tief diese Praxis in der Geschichte verwurzelt ist, zeigt auch die Genetik: Eine große Studie zur Ausbreitung der Hauskatze (Ottoni u. a., 2017) fand in Katzenknochen aus dem Wikinger-Handelshafen Ralswiek auf Rügen eine mütterliche Erblinie, die sonst bei ägyptischen Katzen vorkommt, ein starker Hinweis darauf, dass Katzen schon im frühen Mittelalter über die Seewege verbreitet wurden. Auch aus dem alten Ägypten und von den Phöniziern gibt es Hinweise auf Katzen an Bord, wenn auch mit unterschiedlich guter Beleglage.

Aberglaube und Glücksbringer-Rolle

Neben dem praktischen Nutzen entwickelte sich unter Seeleuten schnell ein ganzes Geflecht an Aberglauben rund um die Bordkatze. Sie galten als Glücksbringer, manche Seeleute glaubten sogar, Katzen könnten mit ihren scharfen Augen bei Dunkelheit ferne Lichter erkennen und so vor Untiefen warnen. Besonders interessant: Schwarze Katzen, an Land vielerorts als Unglücksbringer gefürchtet, galten auf See und in Fischerdörfern oft als Zeichen für Glück, britische Fischerfrauen sollen extra schwarze Katzen zuhause gehalten haben, um ihre Männer auf See zu beschützen.

Ein Omen war es zudem, wenn eine Katze das Schiff kurz vor dem Auslaufen verließ, das galt als schlechtes Zeichen, ein berühmter Fall betrifft die rote Tigerkatze Emmy, die 1914 kurz vor Auslaufen des Passagierschiffs Empress of Ireland von Bord ging und nicht zurückkehrte, wenige Stunden bevor das Schiff nach einer Kollision sank, mit über tausend Toten eines der schwersten Schiffsunglücke der kanadischen Geschichte. Ob Zufall oder nicht, die Besatzung wertete es damals als böses Omen.

Auch mehrzehige, sogenannte polydaktyle Katzen genossen unter Seeleuten besonderen Ruf als bessere Mäusefänger und Glücksbringer, eine genetische Studie aus Edinburgh fand tatsächlich eine auffällige Häufung dieser Genvariante in traditionellen Hafenstädten wie Halifax in Kanada oder im Südwesten Englands, ein Muster, das sich gut mit alten Handelsrouten deckt.

Die Legende von Dick Whittington

Eine der ältesten und bekanntesten Geschichten rund um Schiffskatzen ist die englische Volkssage von Dick Whittington, erstmals im 17. Jahrhundert gedruckt und bis heute als Kinderbuch und Theaterstück populär. Der Legende nach verkaufte ein armer Waisenjunge seine einzige Habe, eine besonders gute Mäusefängerin, an einen fernen Sultan, dessen Palast von einer Rattenplage geplagt wurde. Die Katze löste das Problem, der Junge wurde reich belohnt und später sogar Bürgermeister von London. Die Geschichte basiert lose auf dem realen Kaufmann und Bürgermeister Richard Whittington aus dem 14. und 15. Jahrhundert, wobei die Katze historisch nicht belegt ist, sie wurde der Legende erst später hinzugedichtet. Trotzdem zeigt die Geschichte gut, wie fest der Glaube an die Schiffskatze als Glücksbringer im kulturellen Gedächtnis verankert war.

Berühmte Schiffskatzen, die wirklich belegt sind

Manche Schiffskatzen sind so gut dokumentiert, dass sich ihre Geschichte bis ins Detail nachvollziehen lässt.

Simon (HMS Amethyst). Die vielleicht berühmteste Schiffskatze überhaupt. Ein junger Matrose fand den abgemagerten Streuner 1948 in den Docks von Hongkong und nahm ihn an Bord der Fregatte Amethyst. Während des sogenannten Jangtse-Zwischenfalls 1949, als das Schiff im chinesischen Bürgerkrieg unter Beschuss geriet, wurde Simon durch einen Granatsplitter verwundet, überlebte aber und jagte anschließend erfolgreich die Ratten, die sich in der folgenden Zeit auf dem havarierten Schiff stark vermehrten. Für seinen Einsatz erhielt er die Dickin Medal, die höchste britische Auszeichnung für Tiere im Militäreinsatz, bis heute die einzige Katze, der diese Ehre zuteilwurde. Simon starb kurz nach seiner Rückkehr nach England an einer Infektion und liegt auf dem Tierfriedhof in Ilford begraben.

Trim (HMS Reliance / Investigator). Trim wurde 1799 an Bord eines Schiffs geboren und begleitete seinen Menschen, den Entdecker und Kartografen Matthew Flinders, auf dessen Reisen, darunter die erste vollständige Umrundung Australiens. Flinders schätzte seinen Kater so sehr, dass er ihm während seiner späteren Gefangenschaft auf Mauritius einen liebevollen biografischen Nachruf widmete. Heute erinnert eine Bronzestatue in Sydney an Trim, direkt hinter der Statue seines berühmten Menschen, und selbst das Café der dortigen Bibliothek trägt seinen Namen.

Mrs. Chippy (Endurance-Expedition). Die Tigerkatze gehörte dem Schiffszimmermann Harry McNish und begleitete Ernest Shackletons legendäre, gescheiterte Antarktis-Expedition. Als das Schiff Endurance im Packeis zerdrückt wurde und die Mannschaft ums Überleben kämpfte, musste Mrs. Chippy zusammen mit einigen Hunden erschossen werden, eine Entscheidung, die McNish seinem Kapitän Zeit seines Lebens übel nahm. Heute steht eine lebensgroße Bronzefigur der Katze auf McNishs Grab in Neuseeland.

Convoy (HMS Hermione). Der Kater hatte im Zweiten Weltkrieg einen offiziellen Platz im Schiffsbuch und eine eigene kleine Hängematte. Er war so oft auf Geleitfahrten (englisch: convoy) mit dabei, dass er seinen Namen davon bekam. Als die Hermione 1942 im Mittelmeer torpediert wurde und sank, starb Convoy zusammen mit 87 Besatzungsmitgliedern.

Blackie/Churchill (HMS Prince of Wales). Im August 1941 brachte das Schlachtschiff Prince of Wales Winston Churchill zu einem geheimen Treffen mit US-Präsident Roosevelt. Beim Umstieg auf ein anderes Schiff bückte sich Churchill kurz zu der Bordkatze Blackie hinunter, ein Fotograf hielt den Moment fest, und das Bild ging um die Welt. Blackie wurde daraufhin in "Churchill" umbenannt und überlebte später sogar den Untergang seines Schiffes, sein weiteres Schicksal nach der Evakuierung Singapurs 1942 ist allerdings unbekannt.

Pooli (USS Fremont). Die Katze war während des Zweiten Weltkriegs bei mehreren großen Schlachten im Pazifik an Bord, darunter die Kämpfe um Iwo Jima, und wurde dafür sogar mit Einsatzbändern und Sternen "ausgezeichnet", eine liebevolle Geste der Besatzung.

Rinda (Frachtschiff Rinda). Als der norwegische Frachter 1941 vor der westafrikanischen Küste torpediert wurde, ruderten die Überlebenden noch einmal zurück, um ihre Bordkatze aus dem Wasser zu fischen. Sie überlebte und wurde später zur offiziellen Bordkatze des Rettungsschiffs, das sie aufnahm, benannt nach ihrem verlorenen Heimatschiff.

Der Mythos "Unsinkable Sam"

Kaum eine Schiffskatzen-Geschichte wird so oft erzählt wie die von "Unsinkable Sam", und ausgerechnet sie steht auf ziemlich wackligen Beinen. Der Legende nach soll ein schwarz-weißer Kater den Untergang des deutschen Schlachtschiffs Bismarck 1941 überlebt haben, von einem britischen Zerstörer gerettet worden sein, kurz darauf dessen Untergang ebenfalls überlebt haben, und schließlich noch den Untergang eines dritten Schiffs, bevor er als "unsinkbar" an Land in Ruhestand geschickt wurde.

Eine gründliche deutsche Recherche kommt allerdings zu einem anderen Schluss: In den Akten der beteiligten Schiffe taucht keine Katze auf, und auch keiner der Bismarck-Überlebenden konnte sich an eine Bordkatze erinnern. Selbst die Rettungsgeschichte scheint nicht zu stimmen, laut dieser Rekonstruktion war der genannte Zerstörer an der eigentlichen Rettungsaktion gar nicht beteiligt. Die plausibelste Erklärung: Eine echte Katze auf einem der britischen Schiffe bekam nachträglich eine dramatische Vorgeschichte angedichtet, die sich hervorragend zur Legende eignete, aber eben keine belegte Tatsache ist.

Auch die Manx-Katze hat ihre eigene Seemannslegende

Ein weiterer hartnäckiger Mythos rankt sich um die schwanzlose Manx-Katze von der Isle of Man. Der Geschichte nach sollen die ersten schwanzlosen Katzen 1588 von einem havarierten Schiff der Spanischen Armada an Land geschwommen sein. Eine hübsche Geschichte, für die es aber keinerlei Belege gibt, weder für ein entsprechendes Wrack an der genannten Stelle, noch dafür, dass schwanzlose Katzen in Spanien überhaupt verbreitet waren. Tatsächlich geht die Schwanzlosigkeit auf eine natürliche Genmutation zurück, die sich auf der isolierten Insel einfach gut ausbreiten konnte, ganz ohne spanische Schiffbrüchige.

Schiffskatzen in Literatur und Kunst

Die enge Bindung zwischen Seeleuten und ihren Katzen hat immer wieder Eingang in Literatur und Kunst gefunden. Der Schriftsteller Rudyard Kipling schilderte in einer Erzählung von 1899 einen Schiffskater, Pierre Loti widmete 1907 einer Bordkatze während des Boxeraufstands eine eigene Novelle, und selbst Mark Twain schrieb humorvoll über Katzen, die an Land "Landurlaub" machten und zuverlässig zu ihrem Schiff zurückfanden. Eine anrührende Anekdote aus dem frühen 20. Jahrhundert erzählt, wie ein Kapitän zwei Mann im Ruderboot losschickte, um seinen über Bord gefallenen roten Schiffskater zu retten, mit der schlichten Begründung, er sei ein guter Kater gewesen, den man nicht einfach ertrinken lassen könne.

Warum die Tradition auf Kriegsschiffen endete

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten strengere internationale Quarantäne- und Tollwutvorschriften Bordkatzen zunehmend zum Problem. Bei der Royal Navy wird das offizielle Ende meist auf die Mitte der 1970er-Jahre datiert, häufig wird 1975 genannt, mit Hygiene und Tollwutangst als Begründung. Bei der US Navy gab es zwar nie ein ausdrückliches Verbot, doch seit den 1950er-Jahren wurde die nötige Sondergenehmigung für Bordkatzen praktisch nie mehr erteilt, unter anderem, weil ein Kapitän hohe Strafen riskierte, sollte eine Katze unerlaubt an Land gehen.

Schiffskatzen heute

Auf modernen Kriegsschiffen und den meisten Handelsschiffen sind Katzen inzwischen die Ausnahme, Russland gilt hier als bekannte Ausnahme unter den Marinen. Deutlich lebendiger ist die Tradition dagegen bei Traditionsseglern und privaten Segelyachten. Der Nachbau des historischen Schiffs Kalmar Nyckel etwa hatte über sechzehn Jahre lang die Bordkatze "Toolbox" an Bord, die sogar den offiziellen Titel eines "Senior Ship's Cat" trug. Bei privaten Fahrtenseglern ist die Katze an Bord bis heute keine Seltenheit, oft dokumentiert in Segelblogs rund um die Welt.

Rechtlich gilt heute für Bordkatzen das Gleiche wie für andere Haustiere im internationalen Reiseverkehr: Mikrochip, Tollwutimpfung und in der EU der Heimtierausweis sind Standard, in Ländern mit besonders strengen Einfuhrregeln, etwa Neuseeland oder vielen Südseestaaten, müssen Tiere ohne gültige Papiere während der Liegezeit an Bord bleiben.

Nachleben in Museen und Büchern

Die berühmtesten Schiffskatzen leben bis heute in Denkmälern und Büchern weiter. Neben der Trim-Statue in Sydney und der Mrs.-Chippy-Figur auf einem Grab in Wellington bewahrt das National Maritime Museum in Greenwich unter anderem Flinders' handschriftlichen Nachruf auf Trim sowie historische Fotografien von Convoy und Blackie. Auch literarisch fanden Schiffskatzen ihren Nachhall: Der Schriftsteller Paul Gallico widmete seinen bekannten Katzenroman "Jennie" ausdrücklich dem Andenken an Simon von der Amethyst, und gleich mehrere Bücher erzählen die gesammelten Geschichten der berühmtesten Bordkatzen der Seefahrtsgeschichte nach.

Von den ägyptischen Bootskatzen über mittelalterliche Seerechts-Klauseln bis zu Simon und seiner Dickin Medal, die Geschichte der Schiffskatze ist eine faszinierende Mischung aus praktischem Nutzen, Aberglauben und echter Zuneigung zwischen Mensch und Tier, auch wenn sich dabei, wie bei "Unsinkable Sam" oder den schwanzlosen Katzen der Isle of Man, nicht jede schöne Geschichte als Tatsache entpuppt.



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